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Alte Historische Fotos und Bilder Göttingen, Niedersachsen
Old historical photos and pictures , Lower Saxony

Wenn Sie habe Vergessen deine Vergangenheit - Ihr wirst keine Zukunft haben


Wappen Göttingen

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Geschichte von Göttingen, Niedersachsen in Fotos
History of , Lower Saxony in photos

Eine kleine historische Referenz

Geographie: Das Stadtgebiet Göttingens ist in 18 Stadtbezirke und Stadtteile eingeteilt:

Deppoldshausen, Elliehausen, Esebeck, Geismar, Grone, Groß Ellershausen, Herberhausen, Hetjershausen, Holtensen, Innenstadt, Knutbühren, Nikolausberg, Nordstadt, Oststadt, Roringen, Südstadt, Weende, Weststadt

Gründungszeitpunkt:

Einwohner: 119 177

Geschichte:

Sehenswürdigkeiten:

Göttingen. Auditorium
Auditorium
Göttingen. Bahnhof
Bahnhof
Göttingen. Bahnhof
Bahnhof
Göttingen. Bahnhof, 1937
Bahnhof, 1937
Göttingen. Bismarckhäuschen
Bismarckhäuschen - Reichskanzler hier während seiner Studienzeit für etwa ein halbes Jahr wohnte
Göttingen. Bismarcks Studenten Wohnung, 1907
Bismarcks Studenten Wohnung, 1907
Göttingen. Bismarcks Studenten Wohnung used 1911
Bismarcks Studenten Wohnung used 1911
Göttingen. Bismarcks Studenten Wohnung, 1915
Bismarcks Studenten Wohnung, 1915
Göttingen. Bismarcks Studenten Wohnung, 1924
Bismarcks Studenten Wohnung, 1924
Göttingen. Bismarcks Studenten Wohnung
Bismarcks Studenten Wohnung
Göttingen. Bismarkturm, 1911
Bismarkturm, 1911
Göttingen. Bismarkturm
Bismarkturm
Göttingen. Blick auf den Markt mit brunnen
Blick auf den Markt mit brunnen und in die Weender Straße
Göttingen. Denkmal aus Gauß und Weber, 1910
Denkmal aus Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Eduard Weber, 1910
Göttingen. Gasthaus Rohns, 1938
Gasthaus Rohns, 1938
Göttingen. Leinekanal bei der grossen Mühle, 1912
Leinekanal bei der grossen Mühle, 1912
Göttingen. Deutsches Theater
Deutsches Theater
Göttingen. Deutsches Theater, 1957
Deutsches Theater, 1957
Göttingen. Groner Tor Straße mit Kornmarkt
Groner Tor Straße mit Kornmarkt und langer Geismarstraße, 1904
Göttingen. Groner Tor Straße mit Marienkirche
Groner Tor Straße mit Marienkirche, 1904
Göttingen. Gänseliesel Brunnen, 1959
Gänseliesel Brunnen, 1959
Göttingen. Gänseliesel auf dem Brunnen am Rathaus
Gänseliesel auf dem Brunnen am Rathaus
Göttingen. Gänseliesel und Weender Straße
Gänseliesel und Weender Straße
Göttingen. Stadtpark, 1910
Stadtpark, 1910

Stationen der Stadtgeschichte

953 - Erste urkundliche Erwähnung

An einem nicht bekannten Tage des Jahres 953 stellte König Otto I. eine Urkunde aus, in der er das Kloster St. Moritz in Magdeburg mit Gütern beschenkte. Darunter befand sich auch ein Ort namens Gutingi, der damit zum ersten Mal schriftlich erwähnt wird. Urkunde Kaiser Otto I. aus dem Jahr 953 mit der ersten Erwähnung des Ortes Gutingi Gutingi – in der Bezeichnung steckt die mit unserem Wort „Gosse“ verwandte Form „gote“ – bedeutet soviel wie „Siedlung am Wasserlauf“ und ist die Urform des heutigen Namens „Göttingen“.

Otto I. (geb. 23. Okt. 912, gest. 7. Mai 973), der 962 zum Kaiser gekrönt wurde und nicht zufällig schon von seinen Zeitgenossen “der Große” genannt wurde, nimmt in der deutschen Geschichte eine ganz außergewöhnliche Stellung ein. Nach außen vergrößerte er den Machtbereich seines Reiches im Westen und vor allem im Italien und erneuerte nach innen Organisation und Verwaltung. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Politik war die Ausdehnung seines Einflusses über die Elbe nach Osten in das Siedlungsgebiet der noch vielfach nichtchristlichen Slawen.

Bei dieser ottonischen „Ostpolitik“ gingen handfeste machtpolitische Eroberung und christliche Missionierung Hand in Hand. Ein Stütz- und Ausgangspunkt dafür sollte das von Otto 937 in Magdeburg gegründete Moritzkloster sein, dass von ihm 968 zum Erzbistum für große Teile des ostelbischen Raumes erhoben wurde. Da die Bedeutung und der Einfluss von Bistümern und Klöstern im Mittelalter ganz wesentlich auf ihrem Grundbesitz beruhte, war die Schenkung des Jahres 953 ein Schritt hin zur Stärkung des Moritzklosters.

Die Ersterwähnung unserer Stadt, die sich in diesem Jahr zum 1050. Mal jährt, war also kein Zufall. Sie ist vielmehr zu sehen als Teil der mittelalterlichen deutschen Expansion nach Osten, eines Vorganges von größter geschichtlicher Bedeutung.

1024 - Kaiser Heinrich II. stirbt auf der Pfalz Grone

Am 13. Juli 1024 starb der deutsche Kaiser und König Heinrich II. (geb. 6. Mai 973) auf der Pfalz Grone. Kaiser Heinrich II. (Bamberger Dom)

Da im Mittelalter das deutsche Königtum ein Amt war, das im Reisen ausgeübt wurde, hatten die Herrscher über das ganze Reich verstreut Stützpunkte - die Pfalzen - angelegt, die sie abwechselnd mit ihrem Hofstaat aufsuchten. Von hier aus erledigten sie die in der jeweiligen Region anfallenden Regierungsgeschäfte. Einer jener Stützpunkte war die Pfalz Grone auf dem südlichen Abhang des Hagenberges unweit der heutigen Friedenskirche.

Die Pfalz Grone wurde im 10. und 11. Jahrhundert von den Kaisern und Königen mindestens achtzehn Mal aufgesucht und stieg damit jeweils gewissermaßen zur Hauptstadt des deutschen Reiches auf, das sich damals von Dänemark bis tief nach Italien erstreckte. Es liegt auf der Hand, daß an einem solchen Ort eine aufwendige Infrastruktur vorhanden sein mußte, in erster Linie feste Gebäude für den Herrscher und sein Gefolge, eine Kirche, Versammlungsräume und ein Wirtschaftshof für die Versorgung. Später verlor der Ort seine Funktion als Pfalz. Im 14. Jahrhundert wurde die mittlerweile an das Adelsgeschlecht der Herren von Grone gefallene Burg von den Bürgern Göttingens zunächst zerstört und ging 1371/72 schließlich ganz in ihren Besitz über.

Kaiser Heinrich wurde nach seinem Tod in das von ihm als Bistum gegründete und besonders geförderte Bamberg überführt, dort bestattet und 1146 von Papst Eugen III. heiliggesprochen. Im Jahr 1200 erhielt seine Gemahlin Kunigunde (gest. 3. März 1033) ebenfalls den Rang einer Heiligen – in Göttingen bewahrt die Kirche St. Heinrich und Kunigunde die Erinnerung daran.

1162 - Kloster Nikolausberg urkundlich erwähnt

Papst Alexander III. bestätigt in einer am 20. September 1162 ausgestellten Urkunde die Unabhängigkeit des Klosters bei der dem Hl. Nikolaus geweihten Kirche im Dorf Ulrideshusen. Klosterkirche Nikolausberg

Dieses auf einer Höhe über dem Luttertal gelegene Nonnenkloster, das erst wenige Jahre zuvor gegründet worden war und wo in der Kirche Reliquien des Namenspatrons aufbewahrt wurden, gab bald auch dem Dorf den Namen: Nikolausberg. Lange allerdings hielten es die Nonnen auf dem damals noch unwirtlichen Berg nicht aus. Schon 1184 hatten sie ihren Wohnsitz in das angenehmere Leinetal nach Weende verlegt, wo das Kloster in den folgenden Jahrhunderten bestimmenden Einfluss auf die Entwicklung des Ortes nahm.

Die Reliquien des Hl. Nikolaus aber verblieben in der ehemaligen Klosterkirche und machten diese zu einem beliebten Wallfahrtsziel. Nikolausberg zog Pilger aus der näheren und weiteren Umgebung an, darunter im Sommer 1397 auch Herzogin Margarete von Braunschweig-Lüneburg und im Jahr 1430 Landgraf Ludwig von Hessen, der einen Gulden spendete und ein Pilgerzeichen erwarb. In Göttingen erinnern noch Straßennamen wie "Am Kreuze" und "Nonnenstieg" an den Weg der Wallfahrer aus der Stadt nach Nikolausberg. Die Einführung der lutherischen Reformation im braunschweigischen Fürstentum Calenberg-Göttingen 1542 beendete die Wallfahrt nach Nikolausberg.

Um 1230 - Erlangung der Stadtrechte

In einer Urkunde ohne Datumsangabe, die aber mit Sicherheit aus den Jahren 1229/30 stammt und damit die ältestes im Göttinger Stadtarchiv ist, werden für Göttingen zum ersten Mal Ratsherren und Bürger ("consules et burgenses") erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt besaß Göttingen also bereits unzweifelhaft eine städtische Selbstverwaltung. Wehrturm und Reste der vor 1250 errichteten Stadtmauer in der Turmstraße. Aufnahme 1893.

Die Umstände, die in unmittelbarer Nähe des Dorfes Gutingi zur Entstehung einer Stadt führten, sind aber nur in Umrissen erkennbar. Es ist davon auszugehen, dass, wohl auf Initiative Herzog Heinrichs d. Löwen hin, um 1150 zwischen dem Dorf und einer in der Nähe des heutigen Bahnhofes gelegenen Furt durch die Leine eine Kaufmannssiedlung gegründet wurde. Dieser früheste Kern der Stadt umfasste den Bereich zwischen Paulinerstraße, Papendiek, Johannisstraße und Marktplatz mit dem Zentrum um Johanniskirche und Rathaus. In zwei Schritten wurde in den folgenden Jahrzehnten die Siedlung um das südlich angrenzende Nikolaiviertel und das nördliche Jacobiviertel, jeweils mit zugehöriger Kirche, erweitert. Eine vor 1250 errichtete Stadtmauer, deren Reste heute noch in der Turmstraße zu sehen sind, umschloss alle drei Viertel. Das Dorf Gutingi allerdings lag weiterhin außerhalb der Stadtmauer und spielte noch für lange Zeit als "Altes Dorf" ein Sonderrolle.

Aus der Sicht Heinrichs d. Löwen war die Gründung einer größeren Siedlung an dieser Stelle durchaus sinnvoll, um seine Macht in der Region abzusichern und den wirtschaftlich und militärisch wichtigen Übergang über die Leine zu schützen. Am Nordrand des Jacobiviertels - hinter dem heutigen städt. Museum - legten seine Nachfolger wahrscheinlich ebenfalls um 1230 eine herzogliche Burg, "Balrus" genannt, an.

1289 - Erster jüdischer Bürger

Unter dem Datum des 1. März 1289 erteilten die Herzöge Albrecht und Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg dem Göttinger Rat die Erlaubnis, den Juden Moses in der Stadt aufzunehmen. Urkunde aus dem Jahr 1289 mit der frühesten Erwähnung eines Juden in Göttingen Damit beginnt die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Göttingen. Es war von Anfang an eine von großem Leid geprägte Geschichte, denn in den folgenden Jahrhunderten mussten wie ihre Glaubensgenossen überall in Europa auch die Göttinger Juden immer wieder blutige Pogrome und Vertreibungen erdulden. Für einhundert Jahre, von 1460 bis 1559, hatte sich die jüdische Gemeinde in Göttingen sogar vollständig aufgelöst.

Über ihre Größe lassen sich nur ungefähre Angaben machen; die Zahl von 100 Personen wird sie aber nicht wesentlich überschritten haben. Zentrum des jüdischen Wohngebietes war zunächst die heutige Jüdenstraße, auf deren Westseite (etwa in Höhe der heutigen Hausnummern 7-9) sich auch die erste Göttinger Synagoge befand. Im Spätmittelalter lag der Mittelpunkt des jüdischen Wohngebietes samt Synagoge in der Speckstraße sowie in der "Kurzen Jüdenstraße", dem zwischen Weender und Jüdenstraße gelegenen Abschnitt der heutigen Theaterstraße. Nach der Wiederansiedlung von Juden um die Mitte des 16. Jahrhunderts blieb die Gemeinde viele Jahrzehnte ohne Gotteshaus. Erst zwischen 1710 und 1720 konnte in einem Hinterhaus an der Prinzenstraße eine neue Synagoge errichtet werden.

1319 - Stadt kauft "Neustadt"

Am 1. Januar 1319 verkaufte Herzog Otto von Braunschweig-Lüneburg die Neustadt für 300 Mark lötigen (d.h. reinen) Silbers an Bürger und Rat von Göttingen. Diese Neustadt ist keine Göttinger Besonderheit. Während des 13. und 14. Jahrhunderts entwickelten sich zahlreiche Städte wirtschaftlich und politisch so schnell, daß die jeweiligen Stadtherren um ihren Einfluß zu fürchten begannen. Um der drohenden Unabhängigkeit der Städte entgegenzuwirken, legten die Fürsten in deren unmittelbarer Nachbarschaft neue Siedlungen - eben die "Neustädte" - an, um von diesen Stützpunkten aus ihre Macht wieder zu festigen.

Marienkirche und Kommende des Deutschen Ordens in der Göttinger Neustadt Auch Göttingen entfaltete in den Jahrzehnten nach seiner Gründung eine solche Dynamik, daß Herzog Albrecht "der Feiste" von Braunschweig-Lüneburg noch vor dem Jahr 1300 westlich der Göttinger Stadtmauer eine "neue Stadt" errichtete. Im südlichen Anschluß daran hatte 1318 der Deutschen Orden eine Niederlassung, die "Kommende", gegründet, deren der Maria geweihte Kirche zugleich auch als Pfarrkirche für die Neustadt diente. Der Plan des Herzogs ging allerdings nicht auf. Seine Neugründung war der politischen und wirtschaftlichen Kraft der Göttinger Bürger nicht gewachsen, so dass sich sein Sohn Otto schließlich zum Verkauf gezwungen sah. Die Kommende des Deutschen Ordens blieb jedoch noch bis zum Jahr 1810 bestehen.

1368 - Großes Ritterturnier

Nur ein knappes Jahr nach seinem Regierungsantritt im April 1367 veranstaltete Herzog Otto III. von Braunschweig-Lüneburg am 5. Februar 1368 ein erstes großes Turnier in Göttingen. Herzog Otto III. ("der Quade") von Braunschweig-Lüneburg in einer romantisierenden Darstellung des 19. Jh. Neben dem Stadtherrn selbst nahmen daran Herzog Albrecht von Braunschweig-Grubenhagen, sechs Grafen, eine Gräfin, sechs Edelherren, 107 namentlich genannte Ritter und zahlreiche weitere Adelige teil. Noch aufwendiger war das Turnier, das der Herzog im Oktober 1370 mit 154 namentlich genannten Gästen durchführte, und diesem folgten bis 1376 drei weitere derartige Feste.

Die Turniere fanden wahrscheinlich auf einem großen, unbebauten Platz nordwestlich des Stumpfebiels, dem "Großen und Kleinen Freudenberg", statt. Auf diesem Gelände (heute Carré und Waageplatz), das außerhalb der damaligen Stadtmauern lag, wurde 1420 das Schützenhaus errichtet. Die Turniere müssen mit ihrer beträchtlichen Prachtentfaltung die Bürger gehörig beeindruckt haben, denn bei ihrer Beschreibung gerät selbst der sonst eher trockene Göttinger Stadtschreiber ins Schwärmen.

Dieser Eindruck war vom Herzog durchaus beabsichtigt, wenn nicht sogar der Hauptzweck der Veranstaltungen. Otto III. hatte zwar eine feste Burg - "Balrus" genannt - in der Stadt, sah sich aber einer Bürgerschaft gegenüber, die aufgrund wachsender wirtschaftlicher Erfolge immer selbstbewusster wurde. In dieser Lage konnte höfische Prachtentfaltung die Stellung des Herzogs nur festigen. Diese Spannungen spiegeln sich in dem Beinahmen, den die Bürger ihrem Stadtherrn verliehen: Auch heute noch spricht man von Herzog Otto dem Quaden, d. h. der Böse.

1387 - Zerstörung der Stadtburg

Mit der am 22. Juli 1387 stattfindenden Schlacht zwischen dem militärischen Aufgebot der Stadt Göttingen und den Truppen Herzog Otto des Quaden erreichte eine der im Spätmittelalter so zahlreichen Fehden ihren kriegerischen Höhepunkt. Vorangegangen war ein vergleichsweise geringfügiger Streit um die Zehnteinkünfte, die das Kloster Walkenried in der Göttinger Feldmark besaß. Grabung an der ehemaligen Stadtburg 1983 Veranlasst durch gewaltsame Übergriffe des herzoglichen Amtmannes begannen die militärischen Auseinandersetzungen im April 1387 mit dem Überfall der Herzoglichen auf das Dorf Altengrone. Als Antwort darauf besetzten die Bürger am 28. April die Burg Herzog Ottos in der Stadt, nahmen die Besatzung gefangen und zerstörten die Anlage. In den folgenden Wochen entwickelte sich ein von beiden Seiten verbissen geführter Kleinkrieg, unter dem vor allem die Bewohner der umliegenden Dörfer zu leiden hatten, denen die Häuser niedergebrannt und das Vieh gestohlen wurde.

Als am 22. Juli 1387 die Göttinger unter der Führung des Stadthauptmanns Ernst von Uslar in der Stärke von 150 Berittenen von einem solchen Plünderungszug heimkehrten, trafen sie in der Nähe von Rosdorf auf eine etwa gleich große herzogliche Truppe. Aus dem sich entwickelnden Reiterkampf ging das städtische Aufgebot als Sieger hervor und konnte zahlreiche Gefangene heimführen.

Dieser Sieg hatte weitreichende Folgen. Die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg hatten Göttingen von Beginn an als ihren unmittelbaren Besitz betrachtet und sich innerhalb der Mauern zunächst auch eine starke Stellung aufgebaut. Der nördliche Bereich um Burg und Jacobikirche, wo sich auch zahlreiche Adelige niederließen, war so etwas wie ein "herzogliches Stadtviertel". Nach vielfältigen früheren Bemühungen drängte die wirtschaftlich und politisch aufblühende Stadt durch die Ereignisse von 1387 den Einfluss des Herzogs fast völlig zurück und erkämpfte sich weitgehende Unabhängigkeit.

1402 - Hochaltar in St. Jacobi fertiggestellt

Predigt des Jacobus. Szene von der "Werktagsseite" des geschlossenen Altares Franziscus Lubecus, der von 1533 bis 1595 lebende Chronist Göttingens, berichtet, dass im Jahre 1402 der Hochaltar in der Kirche St. Jacobi fertiggestellt wurde. Finanziert hatte das teure Unternehmen die Göttinger Bürgerschaft. Die Alltagsseite des Altars zeigt Darstellungen aus dem Leben des Hl. Jacobus d. Ä., des Patrons der Kirche, dessen Heiligtum im spanischen Santiago de Compostela im Mittelalter einer der wichtigsten europäischen Wallfahrtsorte war. Der Maler, dessen Werke den Altar schmücken, ist nicht bekannt.

Kunst entstand auch im Mittelalter nicht im luftleeren Raum. So war es wohl kein Zufall, dass vermögende Bürger einen aufwendigen Altar ausgerechnet in der Kirche errichten ließen, die früher dem herzoglichen Stadtherrn besonders eng verbunden war. Es liegt nahe, hier eine Machtdemonstration gegen die seit der Niederlage Otto d. Quaden aus der Stadt vertriebenen Herzöge zu vermuten. Gewissermaßen im Gegenzug stiftete dessen Nachfolger Herzog Otto IV. Cocles ("der Einäugige") 1424 gemeinsam mit elf Adelsfamilien einen prächtigen Altar in der Kirche des Barfüßerklosters. Dieser Altar hatte im übrigen eine wechselvolle Geschichte. Nach der Auflösung des Barfüßerklosters in der Reformation wurde er zunächst nach St. Nicolai, von dort in die Paulinerkirche und schließlich in die Räume des Zoologischen Museum gebracht. Seit 1863 ist er im heutigen Landesmuseum in Hannover zu bewundern.

1458 - Skandal um gefälschte Liebesbriefe

Curt Hallis, Geistlicher und Rektor der Stadtschule, ist überrascht: In den letzten Wochen des Jahres 1458 erreichen ihn insgesamt zwölf Briefe, in denen ihm Edelend Schreiber, Ehefrau des Hans Schreiber, mit glühenden Worten ihre Liebe bekundet. Auf zwei dieser Schreiben unterstreicht sie ihre Gefühle durch das auch heute noch in diesem Zusammenhang gebräuchliche pfeildurchbohrte Herz. Hallis ist aber auch - für einen Geistlichen eigentlich nicht statthaft - geschmeichelt. Nur so ist es zu erklären, dass er den gleich im ersten Brief erhobenen Geldforderungen nachkommt, so dass ihn die Affäre am Ende die stolze Summe von 18 Gulden und 40 böhmische Groschen kostet.

Das Ganze war natürlich ein ausgemachter Schwindel, auf den der offenbar etwas weltfremde Schulmann hereingefallen war. Übeltäter war Hermann Konemund, ebenfalls Geistlicher und als Unterlehrer an der Stadtschule tätig. Er hatte die Briefe im Namen der nichtsahnenden Frau schlichtweg gefälscht, war als Vermittler der "Liebenden" aufgetreten und hatte das Geld eingestrichen. Als der Betrug aufflog, wurde Konemund von der Stadtobrigkeit verhaftet und legte schließlich ein volles Geständnis ab. Da er indes als Geistlicher der Gerichtsbarkeit des Rates entzogen war, musste er einem Vertreter des Erzbischofs von Mainz ausgeliefert werden. Seitdem verliert sich seine Spur. Der Schulrektor Hallis aber war dem Spott seiner auch damals schon klatschfreudigen Mitbürger ausgesetzt.

1475/76 - Göttinger Tuchwirtschaft wirbt ausländische Fachkräfte an

Seit dem 14. Jahrhundert hatte sich in Göttingen die Tuchindustrie zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige entwickelt, deren aus Wolle und Leinwand hergestellte Produkte zunächst nur in der näheren Umgebung verkauft wurden. Mit der Wende zum 15. Jahrhundert eroberten die Göttinger Tuche dann auch den überregionalen Markt. Die Göttinger Wollen- und Leineweber exportierten nach Holland, England und in den von der Hanse beherrschten Raum rings um die Ostsee. Auch zur heutigen Partnerstadt Thorn stand Göttingen damals bereits in Handelsbeziehungen, wie durch Münzfunde bestätigt wird.

Göttinger Stoffproben aus späterer Zeit (1. Hälfte 18. Jh.) In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts geriet die Göttinger Tuchwirtschaft allerdings zunehmend unter den Druck hochwertiger Erzeugnisse vor allem aus Flandern. Die Auswirkungen waren die gleichen wie in ähnlichen Situationen heutzutage. Die Gewinne der Produzenten und Händler schrumpften ebenso wie das Steueraufkommen der Stadt. In dieser Lage tat die Stadtobrigkeit das, was jede gute Regierung in einem solchen Fall tun sollte: Sie entschloss sich zu einer aktiven Wirtschaftspolitik mit dem Ziel, ausländische Experten ins Land zu holen, um den Anschluss an die technische Entwicklung wiederzugewinnen.

Als daher Göttinger Kaufleute 1475/76 auf der Messe im niederländischen Deventer waren, warben sie drei mit den neuen Produktionsmethoden vertraute Weber ab, denen bald weitere Spezialisten folgten. Diese als "neue Wollenweber" oder "Drapeniere" bezeichnete Gruppe wuchs rasch an und spielte in Göttingen bald eine wichtige Rolle.

1514 - Aufstand gegen die Kaufgilde

Jahrhunderte lang waren die Geschicke Göttingens von einer kleinen, weitgehend geschlossenen Personengruppe bestimmt worden. Diese gesellschaftlich führende Schicht der Fern- und Großhandelskaufleute war organisiert in der Kaufgilde und stellte in aller Regel auch die Ratsherren und Bürgermeister. In absteigender Linie folgten diesen sozial und politisch führenden "ratsfähigen Familien" die Gilden und Innungen der Schuhmacher, Bäcker, Wollenweber, Leineweber, Schneider und Schmiede; die Knochenhauer (Schlachter) nahmen eine Sonderstellung ein. Der Rest der handwerklich tätigen Bürgerschaft wurde zur "Meinheit" zusammengefaßt.

Im Gegensatz zu anderen Städten war die Herrschaft der Kaufgilde in Göttingen in den ersten Jahrhunderten der Stadtgeschichte nie ernsthaft bedroht, Aufstände der anderen Gilden hatte es nicht gegeben. Das änderte sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Wirtschaftlicher Niedergang, eine von übermäßiger Kreditaufnahme gekennzeichnete verfehlte Finanzpolitik und politische Auseinandersetzungen mit dem Herzog stürzten die Stadt in eine sich rasant verschärfende Finanzkrise. Als der Rat keinen anderen Ausweg mehr sah, als neue Steuern zu erlassen, kam es zum offenen Konflikt, der in einem regelrechten Aufstand gipfelte. Wahrscheinlich am 6. März 1514 stürmten die Gilden das Rathaus, setzten den Rat kurzerhand gefangen und jagten ihn anschließend aus der Verantwortung. Diese "Revolution" war der Beginn einer grundlegenden Umgestaltung der städtischen Verfassung und zugleich auch eine wichtige Voraussetzung für die Einführung der lutherischen Reformation in Göttingen.

1525 - Göttingen wird Zufluchtsstätte im Bauernkrieg

Das 16. Jahrhundert war wohl eines der unruhigsten in der deutschen Geschichte. Neben der kulturellen Umwälzung durch Renaissance und Humanismus, den zahlreichen Kriegen und dem großen, von Martin Luther ausgelösten Glaubensstreit wühlte der Bauernkrieg der Jahre 1524/25 die Menschen auf. Von dieser Bewegung, die durch eine Verbindung wirtschaftlicher, sozialer und religiöser Ursachen ausgelöst worden war, blieb Göttingen selbst zwar verschont. In Thüringen aber, und damit in unmittelbarer Nachbarschaft, erhoben sich unter der Führung von Thomas Müntzer die Bauern.

Wie überall richtete sich der Zorn der Aufständischen vor allem gegen Kirchen und Klöster. Das bekam auch das am Südharz gelegene Zisterzienserkloster Walkenried zu spüren, das um Ostern 1525 von den Bauern geplündert wurde. Abt Paulus und seine Mönche flohen nach Göttingen. Dass sie hier Zuflucht suchten, war kein Zufall. Seit dem frühen 14. Jahrhundert hatte Walkenried nicht nur den Zehnten in der Göttinger Feldmark, sondern auch ausgedehnten Grundbesitz innerhalb der Stadtmauern erworben. Der "Walkenrieder Hof", in dem sich die vertriebenen Mönche aufgehalten haben werden, lag unmittelbar östlich der Paulinerkirche zwischen der heutigen Prinzen- und Paulinerstraße. Seit 1476 gehörte zu den klösterlichen Besitzungen auch der "Walkenrieder Schäferhof" an der Kurzen Geismarstraße südlich der "Hempelgasse", dessen Gelände in die neuen Planungen für das Lünemann-Areal einbezogen ist.

So wie überall endete der Bauernkrieg auch in Thüringen mit einem blutigen Sieg der Fürsten in der Schlacht bei Frankenhausen am 15. Mai 1525. Abt Paulus und seine Mönche konnten anschließend in ihr stark zerstörtes Kloster zurückkehren.

1529 - Beginn der Reformation

Mit dem Thesenanschlag Martin Luthers im Jahre 1517 begann die Reformation in Deutschland. In Göttingen aber finden sich nur wenige Hinweise auf das Eindringen reformatorischen Gedankengutes. 1524/25 bestanden offenbar Verbindungen zu Anhängern des Reformators Thomas Müntzer in Mühlhausen, von denen einige wohl auch vorübergehend in Göttingen Unterschlupf fanden. 1528 predigte ein Kaplan an St. Jacobi öffentlich im lutherischen Sinn, und es wurden vermehrt lutherische Schriften gekauft und wohl auch gelesen. Gegen diese reformatorisch gesinnten Kreise ging der Rat allerdings hart vor, indem er "auffällige" Personen massiv verwarnte oder aus der Stadt entfernen ließ. Der erste Druck der Göttinger evangelischen Kirchenordnung, erschienen mit einem Vorwort von Martin Luther im Frühjahr 1531 bei Hans Lufft in Wittenberg.

Im Verlauf des Jahres 1529 begann sich die Entwicklung dann stürmisch zu beschleunigen. Im benachbarten Grone predigende Johann Bruns, Geistlicher im Dienste des Erzbischofs von Mainz, im lutherischen Sinn und erhielt regen Zulauf aus der Bürgerschaft. Die Fronleichnamsprozession Ende Mai, ein Höhepunkt im katholischen Kirchenjahr und daher von großem Symbolwert, wurde von einzelnen Anhängern der Reformation gestört. Anlässlich einer Bittprozession am 24. August, dem Bartholomäustag, kam es dann zu einer regelrechten Gegendemonstration der Reformationsanhänger, die sich zum großen Teil aus der Gruppe der "Neuen Wollenweber" rekrutierten. Dieses herausfordernde öffentliche Auftreten gilt als der eigentliche Beginn der Reformation in Göttingen. Die in den folgenden Monaten erarbeitete evangelische Kirchenordnung wurde am Palmsonntag 1530, dem 10. April, von den Kanzeln verkündet.

1542 - Gründung des Pädagogiums

Die Reformation Martin Luthers setzte neben zahlreichen anderen Entwicklungen auch eine umfassende Bildungsreform in Gang. Der Aufbau eines flächendeckenden, gegliederten Schulwesens in Deutschland nimmt hier seinen Anfang. Vor diesem Hintergrund ist der Beschluss des Göttinger Rates zu sehen, in der Stadt ein Pädagogium einzurichten. Pädagogien waren eigenständige Bildungseinrichtungen und bereiteten als Aufbaustufe der Lateinschulen auf den Besuch der Universitäten vor.

Ermöglicht wurde der Ratsbeschluss dadurch, dass in der Reformation das Franziskaner- und das Paulinerkloster von den Mönchen verlassen worden waren. Die zugehörigen Gebäude, Einkünfte und Bibliotheken konnten "umgewidmet" und für das neue Institut genutzt werden. Vermutlich am 29. September 1542 wurde das Pädagogium im ehemaligen Paulinerkloster eröffnet und zu seinem Leiter Magister Johannes Morig bestellt.

Die Göttinger Ratsherren hatten es allerdings sträflich verabsäumt, sich für ihr Unternehmen vorab der Zustimmung der fürstlichen Obrigkeit zu versichern. Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg wollte diese Eigenmächtigkeit nicht durchgehen lassen, so dass bereits Ostern 1545 der Lehrbetrieb wieder eingestellt werden musste. Erst 1586 erfolgte dann, diesmal mit landesherrlichem Segen und wiederum im Paulinerkloster, die erneute Gründung eines Pädagogiums, das genau 150 Jahre später in der Göttinger Universität aufging.

1562 - Hexenverbrennung

In der zeitgenössischen Chronik des Franziskus Lubecus heißt es zum Jahr 1562: "Alte Vettel mit Hilfsgeist", Holzschnitt aus dem Jahr 1512

"In dissem 62. jare hat men alhir zu Gottingen mit den zeubererschen weibern [Hexen] ubel hausgehalten, dan man grif ein weib, so sich nennete die Profiserschen, und dan die alten Ziegldeckerschen. Dise bekanten [gestanden] viel ubel, durch die sie beide in der stat den leuten an iren fahrenden haben, vihe, pferden, kuhen, schweinen, auch draußen zu Wehende und zu Geismer den bauresleuten auch angethan, und droffen [trafen] alle umbstende mit ein, darum sie auch gebrant [verbrannt] wurden.

Dasselb jar ist auch die alte Nordmensche, eine alte vettel, auch gegriffen, auch irer zeuberei halben, hat aber wedder guthwillig noch peinlich [auf der Folter] nit bekennen [gestehen] wollen, wan sie gepeinigt und auf die littern [Leiter, ein Foltergerät] kam. Dan ist ir der hals so dicke gworden wie ein wassereimer, darzu offt das angesiht [Angesicht] auf den ruggen [Rücken] gekeret, dardurch der rath bewogen, das weib zu der stad hinnausgewisen."

Was Lubecus mit diesen dürren Worten beschreibt, war im 16. und 17. Jahrhundert nichts ungewöhnliches: Wie vielerorts wurden auch in Göttingen Menschen - zumeist Frauen - beschuldigt, durch Hexerei ihre Nachbar geschädigt zu haben. Um ein Geständnis zu erhalten, wurde dem Rechtsempfinden der Zeit gemäß schnell die Folter eingesetzt. Am Ende stand für die unschuldigen Opfer meist der Tod auf dem Scheiterhaufen.

1572 - Austritt aus der Hanse

Detail aus der Ausmalung der Rathaus-Halle: "Das Brautpaar" neben der Tür zum Standesamt. Darüber zwei Wappen des Wappenfrieses. Wohl kein Umstand aus der mittelalterlichen Geschichte Göttingens ist im historischen Bewusstsein seiner Bürger so gegenwärtig wie die Mitgliedschaft der Stadt in der Hanse. Verantwortlich dafür ist vor allem die prächtige Ausmalung der großen Halle des Alten Rathauses. Dort erinnern nicht weniger als 56 Wappen ehemaliger Hansestädte, die in einem umlaufenden Fries die Wände zieren, an die große Zeit des mittelalterlichen Handels in Norddeutschland.

Schade ist nur, dass die geschichtliche Wirklichkeit ganz anders aussah. Göttingen ist erstmals 1351 - und damit sehr spät - zu einem Hansetag geladen worden, war dort erst in den zwanziger Jahren des 15. Jahrhunderts durch einen Ratsherrn vertreten und gehörte auch auf dem Höhepunkt seiner Bedeutung als Handelsstadt nie zu den wichtigen Mitgliedern dieses Bundes. Göttingen war wenig mehr als ein "zahlendes Mitglied", und diese finanziellen Belastungen waren schließlich mit dafür verantwortlich, dass im 16. Jahrhundert die Unzufriedenheit wuchs. Im Jahre 1572 erklärte Göttingen seinen Austritt aus der Hanse.

Die Malereien in der großen Halle stammen dagegen aus den Jahren 1883-1886 und sind das Werk des Hannoveraner Künstler Hermann Schaper. Was den Besucher im Alten Rathaus beeindruckt, ist also nicht die glaubwürdige Spiegelung vergangener geschichtlicher Wirklichkeit, sondern deren nachträgliche romantische Verklärung im ausgehenden 19. Jahrhundert.

1582 - Die Stadt verliert die Leinedörfer

Roringer Warte 1408/09 Die Stadt Göttingen hatte im 14. und 15. Jahrhundert, als sie sich auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht befand, in ihrem Umland eine Vielzahl von Besitztümern und Rechten an sich gezogen. Neben den "Stadtdörfern" Herberhausen und Roringen, die 1372 bzw. 1380 in Göttinger Besitz übergingen, waren darunter auch die "Leinedörfer" Ellershausen, Grone, Holtensen und Rosdorf. Den so gewachsenen Herrschaftsbereich, gewissermaßen ein kleines Göttinger Territorium, sicherte man an seinen Grenzen durch Landwehren und Wachtürme, Warten genannt, von denen die bei Roringen, Nikolausberg und Diemarden noch vorhanden sind.

Den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg als den eigentlichen Landesherren gefiel diese Entwicklung verständlicherweise nicht. Als die Stadt seit dem 16. Jahrhundert in eine wirtschaftliche und politische Krise geriet, versuchten sie daher in mehreren Anläufen, gewissermaßen "einen Fuß in die Göttinger Tür" zu bekommen. Ein wichtiger Erfolg dabei wurde im Vertrag vom 19. Juni 1582 festgehalten. Der Herzog setzte sich als Eigentümer der Leinedörfer durch, wenn er sie dem Rat auch wieder zu Lehen gab, und behaupte außerdem die Gerichtshoheit über sie. Damit war die Entwicklung Göttingens zu einer welfischen Landstadt ein weitere entscheidendes Stück vorangekommen.

1593 - Einrichtung einer Mädchenschule

Weltliche Bildung war bis zur Reformation nahezu ausschließlich den Männern zugänglich gewesen. Zur Befriedigung geistiger und kultureller Bedürfnisse stand einer Frau nur der Weg ins Kloster offen. Im Zuge der Bildungsbestrebungen der Reformatoren um Martin Luther änderten sich diese Verhältnisse grundlegend, weil jetzt auch Frauen und Mädchen weltliche Bildungsmöglichkeiten eröffnet wurden.

Nach ersten Anläufen 1531/34 liegen sichere Nachrichten über das Bestehen einer Mädchenschule in Göttingen aus dem Jahr 1593 vor. Am 14. Juni diesen Jahres wird mit ausdrücklicher Berufung auf die 1530 erlassene Kirchenordnung in den Gebäuden des ehemaligen Barfüßerklosters eine "Medleinschule" eingerichtet. Die Leitung übertrug der Rat dem Organisten Johann Nagel und seiner Frau. Sie unterrichteten die sechs- bis zwölfjährigen Mädchen, wie es damals üblich war in einem Raum, anhand des Katechismus vor allem im Lesen, aber auch im Schreiben und Nähen. Der Unterricht begann im Winter um 7 Uhr, im Sommer eine Stunde früher und dauerte vormittags und nachmittags jeweils drei Stunden, donnerstags und samstags waren die Nachmittage schulfrei. Die Schulzucht war streng: "schalckheit und gewesch oder gelechter" waren strikt verboten.

Die Göttinger Mädchenschule war zu ihrer Zeit in weitem Umkreis die einzige Einrichtung ihrer Art und hatte mindestens bis ins Jahr 1642 Bestand.

1595 - Geschichtsschreiber Franciscus Lubecus verstorben

Im Frühjahr oder Sommer des Jahres 1595 - das genaue Datum ist nicht bekannt - starb in seiner Geburtsstadt Franz Lübeck, der sich mit der latinisierten Form seines Namens Franciscus Lubecus nannte. Am 31. Oktober 1533 war er als Sohn des Schneiders Conrad Lübeck und seiner Frau Barbara als letztes von dreizehn Kindern im Haus Markt Nr. 5, wo heute eine Gedenktafel an ihn erinnert, geboren. Mit zwanzig Jahren, am 5. Juli 1553, schrieb er sich in der Universität Wittenberg ein, an der damals der berühmte Humanist und Reformator Philipp Melanchthon lehrte.

Nach einer kurzen Tätigkeit als Lehrer in Hann. Münden schlug Lubecus die geistliche Laufbahn ein und wirkte von 1558 bis 1565 als Pfarrer in Uslar, von wo er als zweiter Pfarrer an die Göttinger Johanniskirche wechselte. Nach zehnjährigem Dienst ging er für acht Jahre nach Northeim, kehrte dann wieder nach Göttingen zurück, um 1587 eine Pfarrstelle in dem damals hessischen Höckelheim anzutreten, die er bis kurz vor seinem Tode innehatte. Die große Lebensleistung des Franciscus Lubecus ist die Abfassung zweier umfangreicher Geschichtswerke, der Braunschweig-Lüneburgischen Chronik und der Göttinger Annalen, durch die er zum ersten Göttinger Geschichtsschreiber wurde. Als Historiker arbeitete Lubecus bereits mit modernen Methoden indem er ältere Chroniken auswertete, das Stadtarchiv benutzte und Zeitzeugen befragte, so dass seine Werke eine Fülle unschätzbar wichtiger Nachrichten zur Göttinger Geschichte enthalten.

1597 - Pest in Göttingen

Über die längste Zeit der Geschichte war das Leben der Menschen in Göttingen, wie überall in Europa, nicht "sicher" in unserem heutigen Sinn. Krankheit, Armut und Tod standen ständig jedermann vor Augen, denn es gab nur wenige Einrichtungen, um die Kranken von den Gesunden zu trennen. Ein Beispiel dafür war das Spital St. Bartholomäi auf dem Gelände des gleichnamigen Friedhofs, das zur Aufnahme von Leprakranken diente. Insbesondere Krankheit und Tod waren zudem eine immerwährende Bedrohung, denen Mann, Frau und Kind nahezu schutzlos ausgeliefert waren.

"Krankensaal", Holzschnitt um 1500 Nicht die einzige, wohl aber die gefürchtetste Seuche war die Pest, die seit ihren ersten Zügen durch Europa in der Mitte des 14. Jahrhunderts die Menschen in Angst und Schrecken versetzte. Göttingen wurde im Jahre 1597 von einer der schwersten Pestepidemien seiner Geschichte erfasst, die innerhalb weniger Monate ca. 2000 Personen - also ungefähr 30 Prozent der Einwohnerschaft - dahinraffte. Auf die heutige Stadtgröße übertragen würde das den Tod von knapp 40000 Menschen bedeuten.

Nachdem die Pest im Jahre 1611 erneut ausgebrochen war, suchte die Seuche Göttingen 1626 zum letzten Mal heim. Damals tobte der Dreißigjährige Krieg zwischen Katholiken und Protestanten, so dass sich diesmal unter den wiederum ungefähr 2000 Toten zahlreiche Flüchtlinge befanden, die hinter den Mauern der Stadt Schutz gesucht hatten. Angesichts des unvorstellbaren Elends, das sich hinter diesen dürren Zahlen verbirgt, wird die Inbrunst verständlich, mit der die Menschen jener Zeit Trost im Glauben suchten.

1632 - Göttingen wird erobert

Harnisch und Helm eines Göttinger Bürgers um 1600/1620, Städtisches Museum Göttingen Während des Dreißigjährigen Krieges, der von 1618 bis 1648 im Herzen Europas tobte, standen sich wechselnde Kriegsparteien gegenüber, der Schauplatz aber war immer derselbe: Deutschland. Die in diesen Jahren angerichteten Verwüstungen erklären bis zu einem gewissen Grade die im Vergleich zu England und Frankreich verzögerte Entwicklung Deutschlands im 18. und 19. Jahrhundert.

In Norddeutschland kämpften zunächst König Christian von Dänemark als Haupt der protestantischen und General Tilly als Feldherr der katholischen Partei gegeneinander. Nachdem Tilly Göttingen am 2. August 1626 nach mehrwöchiger Belagerung kampflos besetzt hatte, konnte er seinen königlichen Gegner in der Schlacht bei Lutter am Barenberge am 17. August vernichtend schlagen.

Sechs Jahre später hatten sich die Machtverhältnisse vollständig gewandelt. Die katholischen Truppen sahen sich jetzt überlegenen schwedischen Kräften gegenüber, die unter dem Befehl des Herzogs Wilhelm von Weimar standen. Er begann am 11. Februar 1632 einen gewaltsamen Sturm auf Göttingen und konnte es noch am gleichen Tag erobern. An der Spitze seiner Truppen drang der Herzog als erster durch das Groner Tor in die Stadt ein, in der sich ein blutiger Häuserkampf entwickelte. Die Verteidiger zogen sich ins Rathaus zurück und ergaben sich erst nach heftiger Gegenwehr. Der Name der "Blutkammer" über der Rathauslaube soll daran erinnern. Bei diesen Kämpfen wurde, wie ein Zeitgenosse schreibt, auch das Stadtarchiv verwüstet und "fast alle darin vorhandene Siegell, Brieffe, alte Verträge, geist- und weltliche Urkunden uffs schendligste verderbt, zerrissen, mit Blut und anderem Unflath besudelt und weggeraubt."

1690 - Ende der städtischen Selbstverwaltung

Bereits am Ende des 16. Jahrhunderts war unübersehbar gewesen, dass die wirtschaftliche Kraft Göttingens zu erlahmen begann. Die Krisen der folgenden Jahrzehnte, die verheerenden Seuchen und die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges beschleunigten den Niedergang, so dass die Stadt am Ende des 17. Jahrhunderts auf dem Tiefpunkt ihrer Entwicklung angelangt war. Hatte die Einwohnerzahl um 1400 noch 6000 Personen betragen, so war sie nun auf die Hälfte gesunken.

Mit der Wirtschaftskraft schwand auch die politische Macht, insbesondere die Unabhängigkeit von den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg. Schritt für Schritt konnten sie ihren Einfluss auf die Stadt wieder festigen und stärken, wobei sie sich nicht zuletzt die internen Zwistigkeiten zwischen den alten ratsfähigen Familien und den Gilden und Innungen zunutze machten.

Über vielerlei Zwischenstufen war am 13. Januar 1690 das Ende dieser Entwicklung erreicht. In dem an diesem Tage geschlossenen Vertrag hob der Herzog die städtische Selbstverwaltung weitgehend auf. Der Rat wurde in eine landesherrliche Behörde umgewandelt, dessen Mitglieder nicht mehr auf ein Jahr von den Bürgern gewählt, sondern auf Dauer vom Herzog ernannt wurden. Die jahrhundertealte Tradition der Ratswahl war zu Ende. Die Gilden allerdings hielten an der Wahl ihrer Obermeister fest, und es gelang ihnen, diesen Brauch in den folgenden Jahrhunderten zu bewahren und mit kurzen Unterbrechungen bis auf den heutigen Tag auszuüben.

1715 - Göttingen wird Festung

Wallspaziergang, Kupferstich 1821 (In diesem Jahr studierte Heinrich Heine in Göttingen.) Der Dreißigjährige Krieg hatte in militärischer Hinsicht weitreichende Folgen für Göttingen. Waren bisher die Mauern und Wälle wie auch die Soldaten eine städtische Angelegenheit gewesen, die der Aufsicht und dem Befehl des Rates unterstanden und die die Bürgerschaft finanzierte, so wurde die Stadt nach dem großen Krieg vom Herzog von Braunschweig-Lüneburg zur landesherrlichen Garnison und Festung ausgebaut.

Der Herzog verlegte auf Dauer größere Truppenverbände in die Stadt, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts rund 17 Prozent der Bevölkerung ausmachten – bei der heutigen Größe Göttingens wären das etwa 20000 Soldaten. Die Belastungen für die Bevölkerung wurden dadurch noch vergrößert, dass das Militär nicht in Kasernen untergebracht, sondern gewissermaßen als Untermieter in den Bürgerhäusern einquartiert war.

Der Ausbau zur Festung erfolgte in mehreren Schritten seit 1622 und erreichte im Jahr 1715 seinen Abschluss. Insbesondere wurden der Wall und die Tore verstärkt und nach den neuesten Erkenntnissen der Festungsbaukunst durch ein vorgelagertes System von Bastionen ergänzt. Dass Göttingen jetzt Festung war, hatte für die Stadt im Siebenjährigen Kriege (1757-1763) allerdings verheerende Folgen: Statt Schutz zu gewähren machten die Festungsanlagen Göttingen bei den Kriegsparteien als Stützpunkt begehrt, so dass die Einwohner jahrelange Besatzungen zu erdulden hatten. Um Ähnliches für die Zukunft zu vermeiden, ließ die hannoversche Regierung nach Kriegsende die Befestigungen abtragen und auf dem Wall eine Promenade anlegen, die bald zu den großen Attraktionen der jungen Universitätsstadt gehörte und auch in Heinrich Heines "Buch der Lieder" besungen wird ("Auf den Wällen Salamankas"). Ein frühes Beispiel gelungener militärisch-ziviler Konversion!

1717 - Textilfabrikant Grätzel Göttinger Bürger

Die Göttinger Tuchherstellung, ehemals der wichtigste Wirtschaftszweig, hatte, wie die gesamte Stadt, während des 17. Jahrhunderts einen steilen Niedergang erlebt. Um 1700 allerdings – und damit bereits vor Gründung der Universität – führten die von der hannoverschen Regierung erteilten Aufträge zur Herstellung von Uniformstoffen zu einer spürbaren Wiederbelebung. Einer der größten Nutznießer dieser gezielten staatlichen Wirtschaftsförderung war Johann Heinrich Grätzel.

Graetzel-Haus an der heutigen Goetheallee Grätzel wurde 1691 in Dresden geboren und hatte sich 1711 in Göttingen niedergelassen. Am 19. Juli 1717 wurde ihm das städtische Bürgerrecht verliehen. Schon bald stieg er durch sein ungewöhnliches unternehmerisches Talent zum größten Textilfabrikanten der Stadt auf, der an seinen einhundert Webstühlen rund 500 Arbeiter beschäftigte. Grätzel war ein typischer "Aufsteiger", der seinen schnell erworbenen Reichtum ungehemmt nach außen darstellte: Sein seit 1739 am Beginn der "Allee" - direkt gegenüber der neugegründeten Universität - errichtetes Wohnhaus übertraf an Pracht jedes andere Gebäude der Stadt. Es verwundert nicht, dass diese etwas unbeholfene Protzerei den scharfen Spott eines Georg Christoph Lichtenberg auf sich zog.

Auch während des ganzen 19. Jahrhunderts blieb die Textilwirtschaft der wichtigste industrielle Arbeitgeben Göttingens. Welche Wirtschaftskraft hier über die Zeiten hin lagt, zeigt die Tatsache, dass sich auch der Textilunternehmer Ferdinand Levin, dessen Betrieb die Grätzelsche Firma 1846 übernommen hatte, von 1899 bis 1902 in bester Lage – am unteren Ende der Schillerwiesen – ein überaus prächtiges Anwesen errichtete. Die von Grätzel begründete Tradition fand ein Ende, als die Levinsche Tuchfabrik 1931 ein Opfer der Weltwirtschaftskrise wurde.

1733 - Kaiser gewährt Universität

Die Welfen, obwohl eines der ältesten Herrschergeschlechter Europas, hatten als Herzöge von Braunschweig-Lüneburg machtpolitisch im Deutschen Reich und in Europa lange Zeit eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Das änderte sich schlagartig seit der Mitte des 17. Jahrhunderts: Die in Hannover residierende Linie des Welfenhauses konnte wesentliche Teile des zuvor auf verschiedene Familienzweige verteilten Besitzes in ihrer Hand vereinigen, gewann 1692 den Kurfürstentitel und bestieg in Person von Georg I. Ludwig 1714 den Thron der aufsteigenden Weltmacht England.

Gerlach Adolph Freiherr von Münchhausen (1688-1770) Was noch fehlte, war eine eigene hannoversche Landesuniversität. Dass als deren Standort schließlich Göttingen gewählt wurde, hatte verschiedene Gründe, unter denen die günstige Lage der Stadt, ihre Ausbaufähigkeit und der gute Ruf des Pädagogiums eine besondere Rolle spielten. Die Leitung des ehrgeizigen Vorhabens lag in den Händen des Ministers Gerlach Adolph Freiherr von Münchhausen. Er trieb die Planungen von Beginn an so nachdrücklich vor, dass Kaiser Karl VI. bereits am 13. Januar 1733 das erforderliche Privileg ausstellen konnte – gegen Zahlung der beträchtlichen Gebühr von 4000 Reichstalern. Knapp zwei Jahre später, im Oktober 1734, nahm die Georgia Augusta, benannt nach dem regierenden Landesherrn Georg II. August von England und Hannover, ihren Lehrbetrieb auf. Die offizielle Einweihung erfolgte schließlich am 17. September 1737 im Rahmen einer prächtigen, gottesdienstähnlichen Feier in der Paulinerkirche, gefolgt von einem üppigen Festmahl in der Halle des Rathauses.

1734 - Ausbau der Infrastruktur

Rückansicht des Universitäts-Reitstalls Für Verwaltung und Bürgerschaft in Göttingen bedeutete die Gründung der Universität zunächst und vor allem eine gewaltige Herausforderung. Die Stadt, die im Jahr 1733 etwa 4700 Einwohner gezählt hatte, musste nun durchschnittlich 50 Gelehrte und 600 Studenten aufnehmen – auf heutige Verhältnisse übertragen würde das den plötzlichen Zuzug von ca. 18000 Personen bedeuten. Aber es ging nicht nur um die Menschen, ihre Unterbringung und Versorgung.

Die neue Hochschule benötigte, zumal wenn sie erfolgreich sein wollte, eine andere und in weiten Teilen neue Infrastruktur. So wurden denn im Oktober 1735 Straßenlaternen aufgestellt, das Pflaster erneuert, zahlreiche Wohnhäuser errichtet oder renoviert und neue Straßen angelegt, wie insbesondere seit 1737 die heutige Goetheallee. Vor allem aber setzte eine intensive Bautätigkeit ein, die das Gesicht Göttingens schnell und durchaus zu seinem Vorteil veränderte: Als erster wirklicher Neubau der Universität entstand in den Jahren 1734-1736 der Reitstall mit anschließender Reitbahn, der vor allem das zahlungskräftigen Publikum aus adeligem Hause anlocken sollte. Es folgten - eingedenk der "unruhigen Studenten" - 1735 eine neue Polizeistation, 1737 die Londonschänke, das heutige Michaelishaus, und 1785-1790 das sog. Accouchierhaus, in dem die 1751 gegründete erste Frauenklinik Deutschlands untergebracht wurde. Ältere Bebauung und große Teile der ersten Stadtmauer mussten den Neubauten weichen. Die Stadt "boomte" und opferte dabei viel Altes. War es Ironie der Geschichte, dass der Reitstall 1968 einem neuen Boom zum Opfer fiel?

1763 - Blüte der Universität

Mit dem am 2. Februar 1763 zwischen den völlig erschöpften Gegnern Preußen und Österreich geschlossenen Frieden von Hubertusburg ging der Siebenjährige Krieg, der große Teile Deutschlands verwüstet hatte, zu Ende. Auch Göttingen hatte unter dem wechselvollen Verlauf der militärischen Ereignisse schwer zu leiden gehabt. Insbesondere die rücksichtslose Einquartierung der verschiedenen Besatzungstruppen - zuletzt die Franzosen – bürdeten den Bürgern große Lasten auf. Die Universität litt ebenfalls unter dem Krieg, war in ihrem Bestand aber nie ernsthaft gefährdet und konnte den Vorlesungsbetrieb ununterbrochen aufrechterhalten.

Nach Kriegsende erholte sich die Georgia Augusta daher rasch und erreichte in den nächsten Jahrzehnten den ersten Höhepunkt ihres Ruhmes, als sie zur angesehensten Universität Deutschlands, ja Europas aufstieg. Das Geheimnis ihres Erfolges lag in dem neuartigen Konzept, das Gerlach Adolph Freiherr von Münchhausen als Kurator mit großer Hartnäckigkeit verfolgte. Die Universität Göttingen war, um ein bekanntes Wort abzuwandeln, eine Hochschule neuen Typs: Folgerichtiger noch als die wenige Jahrzehnte ältere Universität Halle diente sie den Zielen der Aufklärung. Dementsprechend wurde die wissenschaftliche Forschung von der theologischen Zensur befreit, und zugleich erhielt die akademische Lehre einen hohen Stellenwert. Die gezielt geförderte Bibliothek stand – damals eine unerhörte Neuigkeit - auch den Studenten offen, und für junge und zukunftsträchtige wissenschaftliche Disziplinen schuf der "Wissenschaftsmanager" Münchhausen neue Lehrstühle, auf die er planmäßig herausragende Vertreter ihres Faches berief.

1772 - Gründung des "Göttinger Hains"

"[Wir] gingen noch des Abends nach einem nahgelegnen Dorfe. Der Abend war außerordentlich heiter, und der Mond voll. Wir überließen uns ganz den Empfindungen der schönen Natur. Wir aßen in einer Bauerhütte eine Milch, und begaben uns darauf ins freye Feld. Hier fanden wir einen kleinen Eichengrund, und sogleich fiel uns allen ein, den Bund der Freundschaft unter diesen heiligen Bäumen zu schwören. Der Göttinger Dichterbund. G. A. Bürger, seine Leonore vortragend (Kupferstich, 19. Jahrhundert) Wir umkränzten die Hüte mit Eichenlaub, legten sie unter den Baum, und faßten uns alle bey den Händen, und tanzten so um den eingeschloßenen Stamm herum; riefen den Mond und die Sterne zu Zeugen unseres Bundes an, und versprachen uns eine ewige Freundschaft."

Der aus heutiger Sicht leicht befremdliche Vorgang, den Johann Heinrich Voß mit begeisterten Worten beschreibt, fand am 12. September 1772 wohl in der Weender Feldmark statt und kennzeichnet ein wichtiges Datum der deutschen Literaturgeschichte: Die Gründung des "Göttinger Hains". Die Mitglieder dieses Bundes, neben Voß vor allem Ludewig Christoph Heinrich Hölty und die Brüder Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg, waren als Dichter des "Sturm und Drang" geprägt von Empfindsamkeit, Naturschwärmerei und nationalem Pathos. Dass sich der Bund in Göttingen zusammenfand, war mehr als ein Zufall. Zog doch die berühmte Universität begabte junge Menschen aus ganz Deutschland an, und zugleich bot die hier besonders gepflegte vernunfts- und sachorientierte Philosophie der Aufklärung schwärmerischen Geistern eine breite Angriffsfläche.

Der "ewige" Treueschwur übrigens teilte das Schicksal aller derartiger Gelöbnisse: Bereits drei Jahre später war der "Hainbund" wieder zerbrochen.

1786 - Aufschwung durch Universität

Kerzenleuchter des Goldschmieds Heinrich Otto Christian Knauer, 1780 (Handschriftenabteilung der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen) Am 13. März 1786 beantragte Johann Conrad Bremer beim Göttinger Magistrat eine Konzession für seine Weinhandlung. Dieses Ereignis ist zweifelsohne schon für sich erwähnenswert, erfreut sich doch das Bremersche Geschäft bei allen Freunden eines guten Tropfens heute noch großer Beliebtheit. Zugleich ist es aber auch ein Anzeichen dafür, wie im wahrsten Wortsinn umfassend die Gründung der Georgia Augusta das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben Göttingens umgestaltete.

Man stelle sich vor, was alles verändert werden musste: Die Beschickung des Wochenmarktes durch die Bauern der umliegenden Dörfer war ebenso zu verbessern wie die Versorgung mit Trinkwasser, der Verkauf von Frischfleisch und das Bierbrauen, nicht zu vergessen die Straßenreinigung, die Brennholzversorgung und die Anschaffung von Mietsänften zum Transport vornehmer Persönlichkeiten – gewissermaßen die Vorläufer des modernen Personennahverkehrs.

Wie das Beispiel Bremer zeigt, entstand in Göttingen durch Professoren und Studenten aber erstmals auch ein Markt für Erzeugnisse des gehobenen Bedarfs. Die Kaufkraft war beträchtlich, flossen doch allein von den Studenten jährlich über 100.000 Taler in die Kassen der Geschäftsleute. So verwundert es nicht, dass sich 1743 der Goldschmied Heinrich Otto Christian Knauer hier ebenso niederließ wie 1786 der Möbeltischler Johann Jacob Reitemeier und 1794 der Klavierbauer Gottlieb Wilhelm Ritmüller – wie es bereits 1735 der Verleger Abraham Vandenhoeck und 1766 sein Konkurrent Johann Christian Dieterich getan hatten. Manch braver Göttinger Bürger wird sich ob dieses fremdartigen Treibens verwundert die Augen gerieben haben!

1790 - Auszug der Studenten

"Demolirung des Schreiner Schilds von denen Göettinger Herren Studenten zu Göettingen den 25ten july 1790" Bürger und Studenten verbindet in Göttingen seit je her eine enge wirtschaftliche Abhängigkeit, die der Heimatdichter Ernst Honig mit den Worten seines Schorse Szültenbürger treffend umschreibt: "Ich hawe 4 Stedenten un 3 Schweine - mich cheht es chanz chut!" Zugleich aber gab und gibt es immer heftige Spannungen. Zu einer regelrechten Explosion kam es im Sommer 1790, als ein Student von Tischlergesellen verprügelt wurde. Die Studentenschaft fühlten sich dadurch in ihrer Gruppenehre gekränkt und antworteten mit einem in Universitätsstädten üblichen Protest: Sie verließen die Stadt und zogen auf das Kerstlingeröder Feld. Da das Wetter offenbar mitspielte - es war mitten im Sommer - entwickelte sich hier ein reges Lagerleben. Man organisierte sich halbmilitärisch in Kompanien, die so klangvolle Namen wie "Minerva", "Mars" oder "Athene" führten, ernannte einen Generalissimus sowie einen Generaladjutanten, und Marketenderinnen, die Speis´ und Trank - und vielleicht auch anderes - feilboten, waren auch zur Stelle. Für die Verhandlungen mit Universität und Stadt ernannte man Deputierte, unter denen besonders ein ungarischer Graf in reich mit Gold betresster Husarenuniform hervorstach.

Dieser "Konsumstreik" zeigte, in welchem Maße Stadt und Bürger auf die Studenten angewiesen waren: Mit Tränen in den Augen sollen die Gesandten der Bürgerschaft um ihre Rückkehr gebeten und nahezu alle Forderungen erfüllt haben. Hoch zu Pferde und mit fliegenden Fahnen kehrten die Studenten in feierlichem Zuge als "Sieger" in die Stadt zurück.

1799 - Tod Georg Christoph Lichtenbergs

Georg Christoph Lichtenberg Georg Christoph Lichtenberg, Göttinger Professor und kritischer Geist, dessen scharfe Feder und spitze Zunge in ganz Deutschland bekannt und gefürchtet sind, stirbt am 24. Februar 1799. Der nur etwa 1,40 m große, verwachsene Lehrer für Mathematik und Experimentalphysik gehörte zu jenen Männern, die den Ruhm der Göttinger Universität begründeten. Aus der großen Zahl der weltberühmten Gelehrten, die damals neben Lichtenberg in Göttingen wirkten, seien nur einige genannt: der Theologe und Orientalist Johann David Michaelis, der Altertumswissenschaftler und Leiter der Universitätsbibliothek Christian Gottlob Heyne, der Mathematiker Abraham Gotthelf Kaestner und der Publizist und Historiker August Ludwig von Schlözer. Von Schlözer stammt übrigens der Wahlspruch: "Extra Gottingam non est vita, si est vita non est ita!" (Außerhalb Göttingens kann man nicht leben, wenn aber doch, dann nicht so gut!).

Zur Zeit von Lichtenbergs Tod war Göttingen wohl die berühmteste Universitätsstadt Deutschlands, wenn nicht Europas. Von überall her zog es junge Menschen - ausschließlich Männer, denn das Frauenstudium lag noch in weiter Ferne - in die Stadt an der Leine, die bei jetzt 8000 Einwohnern immerhin fast 700 Studenten beherbergte. Gleichwohl begann der Lorbeer der Georgia Augusta bereits zu welken, denn die Generation, die Göttingen groß gemacht hatte, trat ab: Schon 1791 war Michaelis gestorben, Kaestner folgte Lichtenberg ein Jahr später, Schlözer verstarb 1809, Heyne 1812. Es ist unübersehbar, dass zu Beginn des neuen, des 19. Jahrhunderts Göttingen und seine Universität einer ungewissen Zukunft entgegen gingen.

1807 - Königreich Westphalen

Jerome Napoleon, "Roi de Westphalie" Zu Beginn des 19. Jahrhunderts brach die den Göttinger Bürgern vertraute politische Ordnung in blutigen Kriegen zusammen, mit denen sich Napoleon nahezu ganz Europa unterwarf. Er sicherte seine Herrschaft durch politisch abhängige Vasallenstaaten wie das 1807 geschaffene Königreich Westphalen, das ungeachtet seines Namens Nordhessen, das östliche Niedersachsen und Teile Brandenburgs umfasste. Die innere Organisation des neuen Staates folgte ohne Rücksicht auf die historisch gewachsenen Verhältnisse strikt dem französischen Vorbild. So wurde Göttingen am 24. Dezember 1807 zum Hauptort des Leine-Departements bestimmt, das sich von der Werra über Göttingen, Einbeck und Rinteln bis an die Weser nördlich von Minden erstreckte.

Durch die Einführung des bürgerlichen Gesetzbuches ("code civile") wurden aber auch wegweisende Neuerungen umgesetzt, wie die rechtliche Gleichstellung der Juden oder die Abschaffung der feudalen Lasten der Bauern. Überhaupt brachen sich in dieser Zeit neue gesellschaftliche Entwicklungen Bahn. Dazu gehörte die Forderung nach neuen Bildungsmöglichkeiten für Frauen und Mädchen, die der Superintendent von St. Johannis Johann Philipp Trefurt 1806 mit der Einrichtung der Universitäts-Töchterschule aufgriff. Die Schule stand Mädchen der "höheren Stände" offen und unterrichtete sie in Französisch, Geschichte, Geographie, Religion, Handarbeit, Schönschreiben, Zeichnen und anderem mehr.

Nach Napoleons Niederlage brach das Königreich Westphalen 1813 schnell zusammen, und Göttingen gehörte nun wieder zu Hannover, das als Königreich neu erstand. Wie wenig all diese Umbrüche ideologisch befrachtet waren, zeigt eine aus heutiger Sicht überraschende Einzelheit: Conrad Tuckermann, seit 1799 Göttinger Bürgermeister, diente in diesem Amt unangefochten sowohl der westphälischen, wie auch der königlich-hannoverschen Regierung bis zu seinem Tode 1831.

1828 - Hinrichtung des Doppelmörders Beinhorn

Beim Blick in die Vergangenheit wird der Betrachter oft von einem widersprüchlichen Gefühl der Nähe und der Ferne bewegt, schwankt er zwischen einem "die Menschen bleiben sich immer gleich" und einem "das ist mir völlig fremd". Wohl nirgendwo wird deutlicher, wie fern uns geschichtlich eigentlich nahe Zeiten sind, als bei Rechtsprechung und Strafverfolgung. So war es in der "guten alten Zeit" des Biedermeier, deren Charme Carl Spitzweg in seinen Bildern festgehalten hat, noch völlig selbstverständlich, Verbrecher im Rahmen eines öffentlichen Spektakels blutig hinzurichten.

Dieses Schicksal ereilte auch Christoph Beinhorn aus Grone am 10. Oktober 1828. Als Vergeltung für den aus Habsucht begangenen Mord an Vater und Schwester wurde er auf der Richtstätte auf dem Leineberg öffentlich - wie es in einem zeitgenössischen Flugblatt heißt - "mit Keulen zerschlagen und nachher sein Körper auf das Rad geflochten." Weiter schreibt der Verfasser dieses für einen Groschen verkauften Blattes:

"Auf dem grausenvollen Todes-Wege

Pocht voll Schmerzerwartung bang dein Herz;

Lastersohn, es sind die letzten Schläge

Deines Bluts, bald hemmt sie Tod und Schmerz.

Gnade! Gnade! bebt von manchem Munde,

Tief erschauernd vor der Marterpein;

Aber durch der ganzen Menschheit Kunde

Tönts: Vergeltungsrecht wird ewig seyn!"

Die letzte öffentliche Hinrichtung unter der Gerichtslinde auf dem Leineberg fand am 20. Januar 1859 statt.

1830 - Gasthaus Rohns wird eröffnet

Das "Gesicht" Göttingens, das Bild, das Einwohner und Fremde heute von der Stadt haben, wird ganz wesentlich von dem Werk eines Mannes geprägt: Christian Friedrich Andreas Rohns. Der Bauunternehmer Rohns, am 28. Januar 1787 in Lodersleben bei Querfurt geboren, verband auf ungewöhnliche Weise die handwerkliche Solidität eines Baumeisters mit ästhetischem Gefühl und ausgezeichnetem Geschäftssinn. Auf dem Höhepunkt seiner Tätigkeit führte er den größten Baubetrieb weit und breit mit ca. 400 Beschäftigten und wurde dafür 1842 mit dem Titel eines königlichen Baukommissärs geehrt.

Seinen größten wirtschaftlichen Erfolg landete Rohns am 5. Juni 1830 mit der Eröffnung des von ihm im Stile des Klassizismus errichteten Gasthauses auf dem Hainberg. Das bald nur noch "Der Rohns" genannte Etablissement erfreute sich bei Bürgern, Professoren und Studenten schnell größter Beliebtheit - und das war kein Zufall. Rohns hatte auf dem sonst noch kahlen Hang schattenspendende Bäume pflanzen und einen Spielplatz anlegen lassen - den herrlichen Blick über Stadt und Tal gab es gratis dazu. Zahl und Bedeutung der anderen Bauvorhaben, die Rohns im Auftrag oder nach eigene Entwürfen durchführte, sind groß: Sternwarte, Badehaus, Aula und Amtshaus gehören ebenso dazu wie die im Krieg zerstörte Anatomie, die Herzberger Landstraße und die Knochenmühle bei Herberhausen. Auch die Saline Luisenhall, von seinem Sohn Philipp angelegt, ist mit dem Namen Rohns verknüpft. Kurz bevor man hier in 462 Metern auf Sole stieß, verstarb Christian Friedrich Andreas Rohns am 15. Februar 1853 in Göttingen.

1831 - "Göttinger Revolution"

Johann Ernst Hermann von Rauschenplat, 1807 - 1868. Der Kommandant der Göttinger Bürgergarde floh ins Ausland. Im Königreich Hannover - weiterhin in Personalunion mit England verbunden - war die Regierung nach der Vertreibung der Franzosen 1814 bemüht, die in der Napoleonischen Zeit durchgeführten Reformen möglicht umfassend wieder rückgängig zu machen. Obwohl durch diese Wiederherstellung überlebter Verhältnisse in Politik und Gesellschaft die Unzufriedenheit im Lande wuchs, blieb Hannover von den Folgen der Pariser Juli-Revolution des Jahres 1830 weitgehend verschont.

Göttingen allerdings war eine Ausnahme, da hier eine Verkettung verschiedener Ursachen zu einem gewaltsamen Ausbruch führte. Unter der Führung einiger Privatdozenten und Anwälte besetzten am 8. Januar 1831 bewaffnete Aufständische das Rathaus und übernahmen - obwohl der Magistrat formal im Amt blieb - die Macht in der Stadt. Ihre Forderungen richteten sich vor allem auf eine größere politische Mitsprache durch die Wahl einer allgemeinen Ständeversammlung und die Erarbeitung einer neuen Verfassung. Die Regierung blieb unnachgiebig, schickte Truppen in Stärke von ca. 5000 Mann und ließ die Stadt belagern. Die Aufständischen waren durchaus bereit, sich zu verteidigen, und verbarrikadierten die Tore, mussten aber am 16. Januar kapitulieren. Ihre Anführer - soweit sie nicht ins Ausland fliehen konnten - wurden zu Haftstrafen von drakonischer Härte verurteilt.

Verglichen mit diesen aufwühlenden Ereignissen verlief die Revolution vom März 1848 in Göttingen ruhig und geordnet.

1833 - Gauss und Weber erfinden Telegraphen

"Ew. Hochwohlgeboren beehre ich mich, gehorsamst anzuzeigen, dass ich, zum Zwecke einer wissenschaftlichen Untersuchung, einen doppelten Bindfaden von dem mir untergebenen physikalischen Kabinet auf den hiesigen Johannisthurm und von da weiter zur Sternwarte habe aufspannen lassen ..."

Mit diesen höflichen Worten holte am 15. April 1833 der Göttinger Professor für Physik Wilhelm Weber - wohlgemerkt nachträglich - beim Göttinger Magistrat die Erlaubnis ein für ein "Unternehmen, welches nicht ohne Interesse für die Wissenschaft" war, wie er betonte. Gemeinsam mit seinem weltberühmten Kollegen Carl Friedrich Gauß war es ihm gelungen, zwischen ihren beiden Arbeitsstätten, dem physikalischen Institut bei der Paulinerkirche und der Sternwarte an der Geismarer Chaussee, den ersten über längere Zeit funktionstüchtigen elektromagnetischen Telegraphen zu bauen - der Bindfaden war dafür selbstverständlich mit Draht umwickelt worden. Mit dieser und zahlreichen weiteren, bahnbrechenden Entdeckungen trugen Gauß und Weber entscheidend dazu bei, den Ruf der Göttinger Universität als Hochburg naturwissenschaftlicher Forschung zu begründen.

Wenn es ein Zufall war, dann ein höchst beziehungsreicher, dass im selben Jahr 1833 ein siebzehnjähriger Rabbinersohn aus Kassel nach Göttingen kam, um hier als Banklehrling zu arbeiten. Dieser Israel Beer Jopsephat sollte mit Hilfe der Gauß-Weberschen Erfindung Weltruhm erlangen, als er seit 1851 von London aus unter dem Namen Paul Julius Reuter eine weltumspannende Nachrichtenagentur aufbaute, die heute zu den einflussreichsten ihrer Branche gehört.

1837 - Hundert Jahre Universität

Als im Jahr 1837 die Georgia Augusta ihr hundertjähriges Jubiläum feierte, hatte sie unverkennbar den ersten Höhepunkt ihres Ruhmes bereits überschritten. Alarmierend war die Abwanderung der Studenten, denn wenn in den 1820er Jahren durchschnittlich etwa 1400 in Göttingen studiert hatten, so waren es jetzt nur noch ca. 900. Die Konkurrenz der 1810 in Berlin und 1826 in München neugegründeten Hochschulen wurde hier schmerzhaft spürbar.

Dennoch wurde selbstverständlich das Jubiläum großartig gefeiert. Insbesondere der Landesherr König Wilhelm IV. zeigte sich spendabel und stiftete 3000 Pfund Sterling für eine eindrucksvolle neue Aula, die mit hohem künstlerischen Anspruch am Neuen Markt errichtet wurde. Die Stadtverwaltung gab als ihren Festbeitrag ein Denkmal des Königs in Auftrag und taufte den Neuen Markt in Wilhelmsplatz um.

Göttinger Sieben Das Jubeljahr endete allerdings mit einem Paukenschlag ganz anderer Art. König Ernst August, der seinem im Juni verstorbenen Bruder auf dem Thron des jetzt von England unabhängigen Königreichs Hannover gefolgt war, hob am 1. November die hannoversche Verfassung auf. Gegen diesen Willkürakt legten sieben Professoren der Georgia Augusta schriftlich Protest ein. Ihr mutiger Widerstand machte die "Göttinger Sieben" in Windeseile in ganz Europa bekannt, hatte für sie selbst aber schmerzliche Folgen. Sie verloren ihre Stellung, und drei von ihnen wurden zudem umgehend des Landes verwiesen. Schaden trugen aber auch Stadt und Universität davon: Ihr Ansehensverlust beschleunigte sich ebenso wie die Abwanderung der Studenten, deren Zahl im Wintersemester 1847/48 mit nur noch 562 Immatrikulierten einen historischen Tiefstand erreichte.

1854 - Eröffnung des Bahnhofs

Ausbau der Verkehrswege und Verbesserung der Nachrichtenverbindungen - Neudeutsch: Infrastruktur und Kommunikation - sind seit jeher wichtige Voraussetzungen und Antriebskräfte für die wirtschaftliche Entwicklung. Was heute vielspurige Autobahnen und das weltumspannende Internet leisten, tat im 19. Jahrhundert die Eisenbahn. Auch im Königreich Hannover gab der Ausbau des Schienennetzes den entscheidenden Anstoß zum Aufschwung von Wirtschaft und Industrie.

Der 31. Juli 1854, der Tag also, an dem die Eisenbahnstrecke von Alfeld nach Göttingen eröffnet und der hiesige Bahnhof mit einem prächtigen Fest eingeweiht wurde, war daher für die Stadt ein Datum von überragender Bedeutung. Dass es dazu kam, war vor allem dem tatkräftigen Einsatz von Bürgermeister Ferdinand Oesterley zu verdanken, der die Bahn gegen die auch diesmal nicht fehlenden Bedenkenträger durchsetzte. Der Erfolg gab ihm recht. Göttingen, das sich - von der Universität einmal abgesehen - seit seinen spätmittelalterlichen Glanzzeiten nicht wesentlich verändert hatte, wurde dadurch an die Schwelle des 20. Jahrhunderts katapultiert. Die seit Jahrzehnten bei etwa 10000 verharrenden Einwohnerzahlen verdoppelten sich binnen dreißig Jahren, Wirtschaftsbetriebe siedelten sich an und durch die Entstehung neuer Wohnviertel sprengte die Stadt endgültig den Ring des mittelalterlichen Walles.

Durch den Bahnhof änderte sich auch die Ausrichtung der Stadt. War der Hauptverkehr bisher auf der Nord-Süd-Achse zwischen Weender und Geismar Tor durch die Stadt gerollt, so erreichten Menschen und Güter Göttingen jetzt über die ost-westlich ausgerichtet "Allee", an deren Ende nicht zufällig der Gastwirt Carl Gebhard 1862 ein stattliches Hotel erbaute.

1866 - Göttingen wird preußisch

"Hotel zur Krone". Hauptquartier des hannoverschen Stabs in Göttingen. Der machtpolitische Gegensatz zwischen Preußen und Österreich, der die deutsche Geschichte seit über einhundert Jahren geprägt hatte, führte 1866 zu einem offenen Krieg. Wie die meisten Monarchen der mittelgroßen deutschen Staaten fürchtete auch König Georg V. von Hannover das wirtschaftlich und militärisch übermächtige Preußen unter Bismarcks Führung und hatte sich deshalb der österreichischen Seite angeschlossen.

Die Hauptstreitmacht der hannoverschen Armee wurde in Göttingen zusammengezogen, wo der Oberbefehlshaber, der blinde König Georg, am 16. Juni 1866 eintraf und im Hotel "Krone" Quartier nahm. Hier wurde am 18. Juni auf dem entscheidenden Kriegsrat beschlossen, sich vor den heranrückenden Preußen in südöstlicher Richtung nach Bayern zurückzuziehen. Auf dem anschließenden Marsch, bei dem kleinen thüringischen Ort Langensalza, kam es mit einer schwachen preußischen Einheit zum Kampf, den die Hannoveraner zunächst für sich entschieden. Kurz darauf aber mussten sie vor der gewaltigen preußischen Übermacht kapitulieren.

Als Folge des Sieges über Österreich und seine Verbündeten ließ Bismarck das Königreich Hannover annektieren. Die auch in Göttingen zunächst spürbare anti-preußische Stimmung schlug schnell um angesichts der Möglichkeiten, die das mächtige Preußen bot. Vor allem Oberbürgermeister Georg Merkel, der von 1870 bis 1893 amtierte, ergriff die sich bietenden Chancen und formte Göttingen in einem wahren "Crash-Programm" zu einer modernen Mittelstadt um. Die Universität zog ebenfalls Nutzten aus der preußischen Herrschaft und stieg - nicht zuletzt durch das Wirken des Mathematikers Felix Klein - zu einer weltweit geachteten Hochburg der Naturwissenschaften auf.

1898 - Erstes Fußballspiel

Am 15. Oktober 1898 lasen die Göttinger Bürger in der älteren der beiden großen Tageszeitungen der Stadt, der 1864 gegründeten "Göttinger Zeitung", unter den Lokalnachrichten folgende Meldung: "(Wettspiel) Nächsten Sonntag, den 16. d. M., Nachmittags 3 Uhr, findet auf der städtischen Wiese hinter der städtischen Turnhalle zwischen den I. Mannschaften des "Göttinger Fußballclub von 1898" und des "Casseler Fußball-Club-Sport" ein Wettspiel (Association) statt. Es ist das erste Wettspiel, welches der hiesige Klub bestreitet."

Damit machte der Fußball in Göttingen erstmals öffentlich auf sich aufmerksam. Zwar hatte sich bereits 1879 ein "Gymnasial-Fußballverein" gegründet, der jedoch eher ein rugby-ähnliches Spiel pflegte, bei dem der Ball auch mit den Händen aufgenommen werden durfte. Die Regeln des im Unterschied dazu sogenannten "Assoziations-Fußballs", wie er in der Göttinger Zeitung angekündigt und heute noch gespielt wird, verbieten bekanntlich mit wenigen Ausnahmen den Einsatz der Hände.

Die zitierte Meldung ist aber nicht nur in sportgeschichtlicher Hinsicht interessant. An ihr zeigt sich, dass sich um 1900 in Göttingen ein buntes gesellschaftlich-geselliges Leben entfaltet hatte, in dem die Bürger selbstbewusst ihren kulturellen, künstlerischen und sportlichen Neigungen nachgingen. Das wichtigste Mittel, um dieses Leben zu gestalten, war der Verein. Wer etwas unternehmen wollte, sei es Singen, Missionieren oder eben Fußballspielen, gründete einen Verein. Sobald allerdings die Politik ins Spiel kam, ließ die stets wachsame Obrigkeit nicht mit sich spaßen, wie das Verbot der Sozialdemokratischen Partei und ihrer Vereine zwischen 1878 und 1890 zeigt.

1904 - Streik der Bauarbeiter

1905. Bauarbeiter beim Abbruch der "inneren Stadtmauer" auf dem Grundstück Jüdenstr. 40 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Göttingen eine bürgerlich geprägte Stadt - und es hat diesen Charakter bis heute weitgehend bewahrt. Das hieß aber nicht, dass die gesellschaftlichen Verwerfungen, die damals die Ausbildung der modernen Industriegesellschaft in Deutschland begleiteten, hier nicht spürbar gewesen wären. Über zehn Prozent der zu dieser Zeit ca. 34000 Einwohner Göttingens arbeiteten in der Industrie, vor allem in Betrieben der Textil- und Metallverarbeitung sowie der Feinmechanik, im Baugewerbe oder im Eisenbahnausbesserungswerk.

Der Aufschwung der gewerblichen und industriellen Wirtschaft ließ also auch hier eine Arbeiterschaft entstehen, die zunehmend weniger bereit war, ihre zum Teil erbärmlichen Lebens- und Arbeitsverhältnisse klaglos hinzunehmen. So traten am 16. April 1904 knapp dreihundert Göttinger Bauarbeiter in den Ausstand - immerhin etwa ein Drittel der Beschäftigten im Baugewerbe. Der für die Streikenden und ihre Familien entbehrungsreiche Arbeitskampf zog sich fast vier Wochen hin, bis die Göttinger Zeitung am 13. Mai die unter Vermittlung von Oberbürgermeister Georg Calsow erzielte Einigung vermelden konnte: "Der Lohn der Maurer wird ab 4. Juni um 2 Pfg., der der Erdarbeiter und Steinträger um 1 1/2 Pfg. pro Stunde erhöht, bei täglich 10stündiger Arbeitszeit. An Sonnabenden ist um 4 1/2, an den Sonnabenden vor den großen Festtagen um 3 1/2 Uhr Feierabend ohne Lohnkürzung." Bis zu einer wirklichen Besserung derartiger gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten war es auch in Göttingen noch ein weiter Weg!

1918 - November-Revolution

Ausziehende Soldaten in der Weender Straße Als Folge seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg ging das 1871 von Bismarck geschaffene deutsche Kaiserreich in der November-Revolution des Jahres 1918 unter. Im bürgerlichen Göttingen verlief der Umsturz zwar weitgehend in geordneten Bahnen - aber immerhin: Am 9. November fand eine stark besuchte Volksversammlung im Bürgerpark statt, ein Soldaten- und Volksrat wurde gewählt und eine Resolution verabschiedet. Am folgenden Tag hisste der Arbeiter Willi Kretschmer auf dem Rathaus die rote Fahne. Tatsächlich aber änderte sich zunächst nicht viel, und die Stadtverwaltung unter Bürgermeister Georg Calsow konnte nahezu ungestört weiterarbeiten. Im folgenden Jahr dann erwuchs aus der Revolution die Weimarer Republik, der erste demokratische Staat auf deutschem Boden.

Begonnen hatte der Krieg im August 1914 unter ganz anderen Vorzeichen. Die Kriegsbegeisterung war auch in Göttingen groß, und sicher die meisten Menschen dachten wie der Weender Pastor Otto Wilhelm Held, der über den Auszug des 82er Regiments in seinem Tagebuch notierte: "Die Soldaten sangen fröhlich [...] ja das stärkte das Herz, als man diese fröhlichen, festen Leute sah, wer will da noch Furcht haben [...] Das sind Stunden seliger Freude, seliger Begeisterung."

Im Bewusstsein dieser Begeisterung empfanden zahlreiche Deutsche und nicht zuletzt viele Göttinger Niederlage und Revolution als demütigende Schande und wurden so fast zwangsläufig zu Gegnern der jungen Demokratie. Unter anderem daran ist die Weimarer Republik schließlich zugrunde gegangen.

1923 - Erstes Hainbergrennen

Die "Goldenen Zwanziger Jahre" - jene vielgerühmte, nur allzu kurze Blüte Deutschlands nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs - fanden ihren bescheidenen Wiederschein auch in Göttingen. Die Wirtschaft fasste wieder Tritt, die Kultur belebte sich und fand zu neuen Formen. Das neu erfundene Radio gehörte ebenso dazu wie das Kino, das damals im Göttinger Kulturleben zunehmend an Bedeutung gewann. Die älteren Lichtspieltheater "Eden" am Markt und "Central" in der Barfüßerstraße wurden in jenen Jahren umgebaut und erweitert, so dass das "Central" schließlich über 450 Sitzplätze verfügte. Hier wurde 1930 der erste Tonfilm in Göttingen vorgeführt. 1929 hatte in der Prinzenstraße das "Capitol" eröffnet, das mit seinen über 500 Plätzen mehr als ein Prozent der Göttinger Einwohnerschaft aufnehmen konnte.

Auch sportliche Massenveranstaltungen kamen auf. So fand am 6. Mai 1923 vom Stadtpark über den Molkengrund zum Hainholzhof und zurück auf der Bismarckstraße das erste Göttinger Hainbergrennen für Motorräder und Automobile statt, das in den folgenden Jahren wiederholt durchgeführt wurde - 1928 und 1929 sogar unter Beteiligung des berühmten Rennfahrers Hans Stuck. Die Aufregung darüber war in der sonst so ruhigen Stadt groß, wenn es auch, verglichen mit der heutigen Formel 1, beschaulich zuging: Die Wagen erreichten maximal 28 PS, und in der Göttinger Zeitung wurde "das Publikum [...] gebeten, sich beim Überschreiten der Rennstrecke mit größter Vorsicht zu bewegen"!

Die 1929 ausbrechende Weltwirtschaftskrise warf dann wieder dunkle Schatten über Stadt und Land. Die Arbeitslosenzahlen stiegen steil an und traditionsreiche Göttinger Firmen wie die Tuchfabrik Levin und der Klavierbauer Ritmüller schlossen ihre Tore.

1932 - Hitler-Rede in Göttingen

Am 21. Juli 1932 war ganz Göttingen auf den Beinen. Seit den frühen Morgenstunden strömten aus der Stadt und ihrer Umgebung Tausende zum Kaiser-Wilhelm-Park, kurz KWP genannt, dem beliebten Ausflugslokal am Hainberg. Im Rahmen des Wahlkampfes für die bevorstehende Reichstagswahl war dort für den Abend eine Rede Adolf Hitlers angekündigt, des "Führers" der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP).

Für Hitler war dieser Auftritt in doppelter Hinsicht ein "Heimspiel": Albert Gnade, der Wirt des KWP, war sein langjähriger und treuer Gefolgsmann, und in Göttingen hatten die Nationalsozialisten schon früh Fuß fassen können. Bereits seit der Kommunalwahl vom November 1929 galt die Stadt als Hochburg der NSDAP, die hier bei der Reichstagswahl von 1930 über siebenunddreißig Prozent gewann und mit Abstand stärkste Partei wurde.

Trotzdem hatten die Nazis nichts dem Zufall überlassen. Die Werbung, insbesondere in der Presse, war ausführlich, ein eigener Generator versorgte Lautsprecher und Lichtanlage mit Strom und auch an, modern gesprochen, Merchandising hatte man gedacht: Den Verehrern des "Führers" wurden Blechanstecker mit der Aufschrift "Hitlertag Göttingen" angeboten. Trotz strömendem Regen versetzte Hitler sein Publikum in überschäumende Begeisterung.

Der gewünschte Erfolg blieb nicht aus: Bei der Wahl am 31. Juli gaben einundfünfzig Prozent der Göttinger, also die absolute Mehrheit, den Nazis ihre Stimme. Entsprechend reibungslos verlief 1933 in Göttingen die Machtübernahme durch die NSDAP. Oberbürgermeister Bruno Jung - selbst kein Nazi - blieb zwar zunächst im Amt, die Verwaltung folgte von nun aber uneingeschränkt den Vorgaben Hitlers. 1938 wurde Jung von dem ausgewiesenen Nationalsozialisten und SS-Mann Albert Gnade abgelöst.

1942 - Deportation der Göttinger Juden

Georg Meyerstein Die Verfolgung, Vertreibung und schließlich Vernichtung der Menschen jüdischen Glaubens wurde von den Nationalsozialisten von Beginn an erbarmungslos betrieben. In Göttingen, wie fast überall, leistete die nichtjüdische, christliche Bevölkerung keinen wirksamen Widerstand. Als am 28. März 1933, nur wenige Wochen nach dem Machtantritt Hitlers, der braune Mob in den Göttinger Straßen die Scheiben der "jüdischen" Geschäfte zertrümmerte und ihre Waren plünderte, die Eigentümer misshandelte und öffentlich demütigte, blieb das andere Göttingen stumm.

So ermutigt verschärften die Nazis die Unterdrückung der jüdischen Bürger Schritt für Schritt und schränkten ihre Rechte immer mehr ein. Am 9. November 1938 brannte auch die Göttinger Synagoge. Triebkraft aller dieser Verbrechen waren nicht nur dumpfer Antisemitismus, sondern oft weit handfestere, nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe: Indem man jüdische Menschen aus dem Geschäftsleben verdrängte oder aus dem Land vertrieb raubte man ihnen zugleich gewaltige Vermögenswerte. Das macht die nationalsozialistischen Verbrechen einzigartig: Sie verbanden wilde Grausamkeit mit geordneter, "verwaltungsmäßiger" Durchführung.

Am Ende stand der Tod. Am 26. März 1942 mussten sich die meisten der noch in Göttingen verbliebenen jüdischen Bürger auf dem Albani-Kirchhof sammeln, von wo sie vor aller Augen zu Fuß zum Bahnhof marschierten. Ganze Familien waren unter den Deportierten, Jugendliche wie die Geschwister Kurt und Lissy Asser oder Georg Meyerstein und Kinder wie der erst dreijährige Denny Junger. Alle wurden ermordet.

1945 - Göttingen bleibt unzerstört

Göttingen hatte den Zweiten Weltkrieg - verglichen mit Nachbarstädten wie Kassel oder Hildesheim - glimpflich überstanden. Die nicht sehr zahlreichen Luftangriffe richteten nur begrenzte Schäden an, und auch das Kriegsende verlief ohne Verluste, da die deutschen Truppen die Stadt den Amerikanern kampflos überließen.

Britische Offiziere vor dem Auditorium Dieses Glück im Krieg erwies sich nach dessen Ende als unschätzbarer Startvorteil beim Wiedergewinn des Friedens. Bereits am 4. August 1945, gerade einmal vier Monate nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, hob sich im Theater der Stadt wieder der Vorhang - gegeben wurde Mozarts Oper "Hochzeit des Figaro" -, und wenige Wochen später nahm die Universität als erste deutsche Hochschule ihren Lehrbetrieb wieder auf. Göttingen wurde zu einer festen Größe im kulturellen und wissenschaftlichen Leben der westlichen Besatzungszonen bzw. der jungen Bundesrepublik: Innerhalb eines Jahres, 1948, wurde hier die Max-Planck-Gesellschaft gegründet und der erste gesamtdeutsche PEN-Club aus der Taufe gehoben.

Wie alles hatte aber auch dieser Aufschwung seine Kehrseite. Die nach Göttingen strömenden Flüchtlinge und Vertriebenen vor allem aus der damaligen Sowjetischen Besatzungszone und den besetzten Ostgebieten ließen die Einwohnerzahlen von etwa 51.000 im Jahr 1939 auf über 80.000 zehn Jahre später in die Höhe schnellen. Die Versorgung dieser Menschen mit Wohnraum, Heizmaterial, Nahrung und Arbeit stellte die Stadtverwaltung noch bis weit in die fünfziger Jahre vor schier unüberwindliche Probleme.

1952 - Proteste gegen Veit Harlan

"Judensöldlinge! Judenlümmel! Aufhängen! Niederknüppeln!" – mit antisemitischen Parolen und Morddrohungen wurden am 25. Januar 1952 studentische Demonstranten vor dem Kino Central von ihren Widersachern bedacht. Die Polizei musste einschreiten, die handgreiflich gewordenen gegnerischen Gruppen trennen und den Notstand ausrufen.

Anlass für die Ausschreitungen war die Aufführung des Films "Hanna Amon", dessen Regisseur Veit Harlan auch für den Film "Jud Süß", eines der schlimmsten antijüdischen Hetzwerke der Nationalsozialisten, verantwortlich war. Harlan hatte nach dem Zweiten Weltkrieg in Göttingen, das durch die "Filmaufbau" zu einem Zentrum der westdeutschen Spielfilmproduktion geworden war, ein neues Betätigungsfeld gefunden. Gegen ihn richteten sich die Proteste der Studenten, die dabei von herausragenden Professoren – unter ihnen Werner Heisenberg, Helmuth Plessner und Carl Friedrich von Weizsäcker – unterstützt wurden und die sich schließlich gegen ihre antisemitischen Widersacher durchsetzten: Der Film, übrigens die erste Göttinger Farbproduktion, wurde abgesetzt.

So deuten die Ereignisse vom Januar 1952 eine grundlegende Wandlung der Rolle an, die Universität und Studentenschaft in Politik und Kultur Göttingens spielten. Aus einer kleinen, sozial abgeschlossenen, stark national-konservativ und, was die Studenten betraf, früh nationalsozialistischen geprägten Hochschule entwickelte sich eine neuartige Massenuniversität, an der demokratische und zunehmend linke politische Strömungen erstarkten. Der Scheitelpunkt dieser Entwicklung war erreicht, als die 68er-Bewegung das bis dahin eher verschlafene Göttingen erschütterte.

1964 - Neuordnung von Stadt und Landkreis

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Göttingen ein Stadtkreis, dessen Fläche sich auf die seit dem 19. Jahrhundert unveränderte Feldmark der Stadt beschränkte. Eingebettet war es in den Landkreis Göttingen, zu dem auch Herberhausen, Geismar, Grone, Nikolausberg und Weende gehörten.

Diese Orte, die die Stadt in engem Gürtel umgaben, schnürten jede größere Entwicklung ab: Es fehlte an dringend benötigtem Bauland für neue Wohnungen, für die Ansiedlung von Gewerbe und Industrie und nicht zuletzt für die notwendige Ausdehnung der Universität über die Innenstadt hinaus. Nach langwierigen Verhandlungen und nachdem bereits im Jahr zuvor Herberhausen eingemeindet worden war, brachte endlich das am 1. Juli 1964 erlassene Gesetz über die Neugliederung des Landkreises Göttingen und der Stadt Göttingen – kurz Göttingen-Gesetz genannt – den entscheidenden Durchbruch. Zwar verlor Göttingen jetzt seine Kreisfreiheit, konnte aber zugleich durch die Eingliederung von Geismar, Grone, Nikolausberg und Weende sein Gebiet um mehr als das Doppelte vergrößern.

Damit war der Rahmen gezimmert, in dem die Stadt, die zudem durch Überspringen der 100000-Einwohner-Marke in die Liga der Großstädte aufstieg, ihre Zukunft gestalten konnte. Neue Industriegebiete, ja ganze Stadtteile – Holtenser Berg, Weende-Nord – entstanden, und die Universität schuf sich zwischen Nikolausberg und Weende ein neuen Zentrum. Eine zweite Welle von Eingemeindungen 1973 rundete diese Entwicklung ab. Dass heute, aus einem Abstand von vierzig Jahren, die 1964 festgeschriebenen Beziehungen zwischen Landkreis und Stadt in einem durchaus ungünstigeren Lichte erscheinen, steht auf einem anderen Blatt!

1972 - Abriss der Wörth-Kaserne beschlossen

Am 7. Dezember 1972 beschloss die Stadtverwaltung, die Wörth-Kaserne in der Geismar Landstraße, das ehemalige Quartier des Infanterieregiments 82, abzureißen. Damit verschwand ein markantes Zeugnis nicht nur der Militärgeschichte Göttingens, sondern auch seiner Kultur- und Bevölkerungsentwicklung nach 1945.

Nach Kriegsende hatten Tausende von Menschen im unversehrten Göttingen einen ersten, oft nur vorübergehenden Unterschlupf gefunden. Juden, die den Völkermord überlebt hatten, sammelten sich hier ebenso, wie befreite Zwangsarbeiter, entlassene Kriegsgefangene und andere entwurzelte Menschen vor allem aus Osteuropa. Viele dieser "displaced persons" (DP´s) wurden in der Wörth-Kaserne untergebracht, wo auch eine orthodoxe Kirche eingerichtet worden war. Bis Ende der fünfziger Jahre hatten die meisten DP´s – häufig mit dem Ziel Amerika – Göttingen wieder verlassen.

Zu dieser Zeit, auf dem Höhepunkt des deutschen "Wirtschaftswunders", setzte eine zweite Wanderungsbewegung nach Göttingen ein: Als Arbeitskräfte angeworbene "Gastarbeiter" zunächst aus Südeuropa, dann vor allem aus der Türkei ließen sich nieder und brachten selbstverständlich ihre Kultur und ihren Glauben mit. Ende der achtziger Jahre schließlich kam es mit dem Zusammenbruch des Ostblocks zu einer erneuten Bevölkerungsverschiebung. Neben Menschen deutscher Abstammung verließen viele Juden die Sowjetunion, um unter anderem in Göttingen eine neue Heimat zu suchen. 1994 konnte die jüdische Gemeinde, die rechtlich nie aufgehört hatte zu bestehen, wiederbegründet werden und entfaltete ein reges Gemeindeleben.

Die Wörth-Kaserne, in der zum Schluss Mietschuldner und andere Verlierer des "Wirtschaftswunders" gewohnt hatten, war zu diesem Zeitpunkt bereits verschwunden. An ihrer Stelle erhebt sich heute das Altenzentrum Saathoffplatz.

1989 - Grenzöffnung

Göttingen war nach dem Zweiten Weltkrieg von der Teilung Deutschlands unmittelbar betroffen. Die Stadt lag dicht am "Eisernen Vorhang", jener hochgefährlichen weltpolitischen Grenze, wo sich die verfeindeten Mächte aus Ost und West direkt gegenüber standen. Obwohl dadurch von einem großen Teil ihres früheren Hinterlandes abgeschnitten, hatten sich die Göttinger allerdings in der aufblühenden Bundesrepublik recht gut eingerichtet.

So wurden auch sie, wie die meisten Menschen in Deutschland, Europa und überall auf der Welt, von den Ereignissen des November 1989 unvorbereitet getroffen. Drei Tage nach dem Fall der Berliner Mauer, am 12. November 1989, hob sich der "Eiserne Vorhang" auch südlich von Göttingen bei Hohengandern. Der Drang der Menschen war zu groß, in überschäumend-freudiger Stimmung fanden sie durch diesen neuen Grenzübergang zu einander. In den ersten zehn Tagen besuchten über 20000 DDR-Bürger Göttingen und wurden hier nicht nur mit über 1 Million DM Begrüßungsgeld, sondern vor allem mit Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft empfangen. Es herrschte ein festlich-heiterer Ausnahmezustand, wie ihn Stadt und Land noch nie erlebt hatten.

Der Ausnahme folgte bald die Normalität, die manche Blütenträume welken ließ. Schwierigkeiten, Missverständnisse und Gegensätze, im ersten Überschwang unterschätzt, zeigen unübersehbar, dass die deutsche Vereinigung kein Ereignis, sondern eine langfristige Entwicklung ist. Fest steht aber: Wie für das ganze Land, so eröffnete der Fall der Grenzen auch für Göttingen, das jetzt wieder mitten in Deutschland und Europa liegt, neue Wege in die Zukunft, die es beherzt einzuschlagen gilt!

Quelle: goettingen.de



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