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Alte Historische Fotos und Bilder Rheine, Nordrhein-Westfalen
Old historical photos and pictures Rheine, North Rhine-Westphalia

Wenn Sie habe Vergessen deine Vergangenheit - Ihr wirst keine Zukunft haben


Wappen Rheine

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Geschichte von Rheine, Nordrhein-Westfalen in Fotos
History of Rheine, North Rhine-Westphalia in photos

Eine kleine historische Referenz

Geographie: Die Stadt gliedert sich neben der historisch gewachsenen Kernstadt oder Altstadt (heutige Innenstadt) in 18 weitere Stadtteile:

• Stadtteilbeirat Altenrheine

• Stadtteilbeirat Bentlage/Wadelheim/Wietesch/Schleupe

• Stadtteilbeirat Dutum/Dorenkamp

• Stadtteilbeirat Elte

• Stadtteilbeirat Eschendorf

• Stadtteilbeirat Gellendorf/Südesch

• Stadtteilbeirat Hauenhorst/Catenhorn

• Stadtteilbeirat Innenstadt/Hörstkamp

• Stadtteilbeirat Mesum

• Stadtteilbeirat Rodde/Kanalhafen

• Stadtteilbeirat Schotthock

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Stadt im Zuge der Industrialisierung und nicht zuletzt durch den Anschluss an das Eisenbahnnetz rasch und verleibte sich vormals weit vor den Stadtgrenzen liegende Bauerschaften ein, wie zum Beispiel Dutum, Wadelheim oder Bentlage oder ergriff Besitz von ehemals landwirtschaftlich genutzten Flächen wie dem Südesch, Hörstkamp oder Dorenkamp.

Gründungszeitpunkt:

Einwohner: 75 338

Geschichte:

Sehenswürdigkeiten:

Rheine. Antonius Basilika
Antonius Basilika
Rheine. Bahnhofstraße, 1911
Bahnhofstraße, 1911
Rheine. Blick zur Pfarrkirche
Blick zur Pfarrkirche
Rheine. Blick zur Stadt
Blick zur Stadt
Rheine. Emsbrücke, 1905
Emsbrücke mit Statue von Heiliger Johannes Nepomuk, 1905
Rheine. Emsbrücke, 1915
Emsbrücke mit Statue von Heiliger Johannes Nepomuk, 1915
Rheine. Emsbrücke, 1949
Emsbrücke mit Statue von Heiliger Johannes Nepomuk, 1949
Rheine. Statue von Heiliger Johannes Nepomuk
Statue von Heiliger Johannes Nepomuk
Rheine. Emsstraße
Emsstraße
Rheine. Entwehr mit fürstliche Mühle, 1940
Entwehr mit fürstliche Mühle, 1940
Rheine. Gymnasium
Gymnasium
Rheine. Hindenburgbrücke, 1939
Hindenburgbrücke, 1939
Rheine. Kindersolbad 'Sonnenschein'
Kindersolbad 'Sonnenschein'
Rheine. Kurhaus, 1912
Kurhaus, 1912
Rheine. Marktplatz
Marktplatz
Rheine. Marktplatz
Marktplatz
Rheine. Marktplatz, 1964
Marktplatz, 1964
Rheine. Mühlentor
Mühlentor
Rheine. Panorama von Stadt mit Kirche
Panorama von Stadt mit Kirche
Rheine. Pfarrkirche, Hotel
Pfarrkirche, Hotel und Kaiser Wilhelm Denkmal am Klosterstraße
Rheine. Burgsteinfurt, Schloss Eingang, 1916
Burgsteinfurt, Schloss Eingang, 1916
Rheine. Rathaus und Denkmal
Rathaus und Denkmal
Rheine. Solbad 'Gottesgabe', Saline, 1957
Solbad 'Gottesgabe', Saline, 1957
Rheine. Solbad 'Gottesgabe', Gradierwerk
Solbad 'Gottesgabe', Gradierwerk

Geschichte

Vorgeschichte

(Prähistorie, Urgeschichte) nennen wir den Zeitraum der menschlichen Frühzeit, welcher der durch schriftliche Überlieferungen zu erhellenden Vergangenheit (Geschichte) vorangeht. Unter Frühgeschichte ist der darauf folgende Zeitabschnitt zu verstehen, für den schriftliche oder sonstige historische Quellen (z.B. Münzen, Namen etc.) zwar bereits vorliegen, ohne dass diese jedoch allein für eine historische Bestandsaufnahme ausreichten. Die Vorgeschichte eines Raumes beginnt mit dem Nachweis der Anwesenheit von Menschen, wobei Menschen als „Werkzeug herstellende Lebewesen“ definiert werden.

Für Rheine umfasst die Vor- und Frühgeschichte einen Zeitraum von mehr als 100.000 Jahren. Als ältestes von Menschenhand hergestelltes Werkzeug in Rheine gilt ein Steinartefakt aus der Zeit des Neandertalers, welches südöstlich von Mesum gefunden wurde. Immerhin belegt dieser Fund die Anwesenheit von Jägern, die damals anatomisch noch nicht den heutigen Menschen entsprachen.

Im letzten Abschnitt der Altsteinzeit, seit etwa 10.000 v. Chr., haben sich öfter Jäger und Sammler im Raum Rheine aufgehalten, wie verschiedene Funde von Jagdwerkzeugen aus dieser Zeit nahe legen. Grabstätten erlauben bereits Rückschlüsse auf den Totenkult oder die Sozialstruktur einer Kulturgemeinschaft. Das Megalithgrab im Schotthock aus der Zeit der Trichterbecherkultur ist das älteste Bodendenkmal in Rheine. Die Grabhügelfelder in Mesum, Hauenhorst und Altenrheine mit Erd- oder Urnenbestattungen zeugen von längeren Besiedlungsphasen im Raum Rheine seit der Jungsteinzeit, auch wenn Spuren der eigentlichen Wohnsiedlungen unserer Vorfahren erst aus der Eisenzeit vorhanden sind.

Die Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen sind Anlass für Berichte zeitgenössischer Autoren über das freie Germanien. Dem römischen Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus (ca. 55-116 n. Chr.) verdanken wir erste länderkundliche Informationen über die Germanen. In seinem Alterswerk „Annalen“ berichtet er u.a. über den Feldzug des Germanicus im Land der Brukterer links und rechts der Ems. Bei der Interpretation ist allerdings zu bedenken, dass Tacitus selbst nie in Germanien war und seine Geschichtswerke für ein römisches, an lokalen Einzelheiten nicht interessiertes Publikum geschrieben hat. Ob die Römer im Rahmen von Germanicus´ Feldzügen im Gebiet des späteren Rheine waren, lässt sich aus den Annalen nicht erweisen.

Auch die Missionierung des Emsraumes im 8. Jahrhundert ist auf Grund der Quellenlage noch Frühgeschichte. Sicher wissen wir nur, dass es an der Emsfurt in Rheine 838 eine Kirche mit zugehörigem Königshof, genannt villa Reni, gibt. Mit der Urkunde Ludwigs d. Fr. als erstem schriftlichen Beleg beginnt die Geschichte von Rheine.

Das Mittelalter

Das Mittelalter ist weniger eine finstere, als eine kaum bekannte und nicht leicht verständliche Epoche.

Als Epochedaten der mittelalterlichen Geschichte Rheines sind vor allem die erste Erwähnung der villa Reni am 7. Juni 838 und die Verleihung des Stadtrechts am 15. August 1327 zu nennen. Für den Zeitraum dazwischen liegen uns zwar erste schriftliche Belege über Rheine und umliegende Bauerschaften vor, doch sind dies wenige und nur sehr vereinzelte Nachrichten, die meistens den Erwerb oder die Veräußerung von Gütern, Rechten und Einkünften betreffen. Um daraus ein Bild der mittelalterlichen Entwicklung Rheines zusammenzufügen, bedarf es eines kritischen Blicks darauf, was wirklich in den Quellen steht, und erheblicher Interpretationsanstrengungen.

Mit dem Diplom Kaiser Ludwigs des Frommen vom 7. Juni 838 tritt die villa Reni im Gau Bursibant erstmals in unser Blickfeld. Aus der Urkunde wissen wir, dass seit einiger Zeit eine Kirche in dem Königshof existiert, den die karolingischen Herrscher an dem strategisch wichtigen Übergang über die Ems unterhalten haben. Politisch markiert die Schenkung der Kirche mit dem Hof Reni an das St. Marienkloster in Herford das Ende der vorrangig militärischen Bedeutung dieses Ortes für die karolingische Herrschaft. Nach dem Ende der Sachsenkriege sowie der Unterwerfung und Missionierung der Friesen kann der Kaiser den Königshof für andere Zwecke verwenden. Die Schenkung an das Kloster Herford verfolgt zwei Ziele: Zum einen werden die Nonnen verpflichtet, für das Seelenheil des Schenkgebers zu beten. Zum anderen entspricht eine Zuwendung an die adligen Klosterfrauen der karolingischen Politik, durch Unterstützung und Einbeziehung der auf dem Land ansässigen Adelsfamilien zur inneren Festigung des riesigen Reiches beizutragen.

In der nun folgenden Zeit liegen Rheine und das heutige Westfalen eher am Rande des reichspolitischen Interesses. Weltliche und geistliche Herren mit ihren Ministerialen bauen ihren Besitz und Einfluss aus, ohne dass zunächst eine deutliche Vormacht entsteht. Erst gegen Ende des hier zu beleuchtenden Zeitraums entsteht ein Wettlauf um die territoriale Vorherrschaft, in dem der Bischof von Münster schließlich das flächenmäßig größte geistliche Fürstentum in Deutschland herausbilden kann.

Als Bindeglied zwischen dem Ober- und Niederstift Münster ist Rheine mit seinem Emsübergang für das entstehende Territorium von großer Bedeutung. Gegen die Äbtissin von Herford und die benachbarten Grafen von Bentheim und von Tecklenburg sowie die Edelherren von Steinfurt, auch gegen den Bischof von Osnabrück, gelingt es dem Bischof von Münster, in Rheine und umliegenden Bauerschaften Grundbesitz, Rechte und Einfluss zu erwerben.

Siedlungsgeschichtlich entwickelt sich in Rheine neben dem herfordischen Fronhof eine ansehnliche Marktsiedlung. Diese trägt Anfang des 14. Jh. mit Kirche, Markt, Befestigungsmauer, Versammlungshaus und Weichbildrecht schon durchaus städtische Züge.

1327 - 1622

Die Stadt Rene

Mit der Stadtrechtsverleihung vom 15. August 1327 erlangt Rene einen Rechtsstatus, der die neue Stadt deutlich vom Umland unterscheidet und sie mit den anderen münsterischen Stiftsstädten auf eine Ebene hebt.

Bischof Ludwig II. von Münster bewirkt mit seinen städtegründerischen Aktivitäten (Dülmen, Ramsdorf, Rheine, Billerbeck, Werne) eine Festigung der Herrschaft in seinem Territorium. Bis 1802 sollte Rheine münsterische Stiftsstadt bleiben. Die Aberkennung der städtischen Privilegien im Jahre 1623 ist allerdings ein so bedeutender Einschnitt, dass die städtische Entwicklung bis dahin in einem eigenen Kapitel aufgezeigt werden soll.

Die Stadt Rheine nimmt während der zu betrachtenden drei Jahrhunderte einen stetigen Aufschwung und entwickelt sich vom kleinen Marktflecken zu einer selbständigen Stadt mit den dazugehörigen Einrichtungen. Eine bürgerliche Selbstverwaltung mit gewählten Ratsmännern, Bürgermeistern, Schöffen und Gericht bildet sich heraus. Wappen und Siegel sind die Insignien städtischer Eigenständigkeit. Rathaus und Stadtkirche, Markt, Stadtmauern und Spital repräsentieren in Rheine das typische Bild einer spätmittelalterlichen Stadt. Soziales Miteinander sowie die Spielregeln von Handwerkern und Kaufmannschaft werden in Gilden und Ämtern geregelt.

Die Einwohnerschaft wächst: 1327 dürften kaum 500 Menschen in Rene gelebt haben. Nach Eingemeindung des Thies wird die Einwohnerschaft der Stadt nach der Kirchspielschatzung von 1498 auf etwa 790-860 Personen geschätzt. 1623 zählt die Feuerstättenschatzung 419 Feuerstätten in Rheine, woraus auf etwa 1800 städtische Einwohner geschlossen werden kann. Vom wirtschaftlichen Wachstum zeugen sowohl der Bau der prächtigen Pfarrkirche im 15. Jahrhundert wie auch die bedeutenden Stiftungen von Bürgern für die Hospitäler. Das Textilgewerbe und der damit verbundene Handel spielen schon im 16. Jahrhundert eine hervorragende Rolle, wie das Mitgliederverzeichnis des Wandmacheramtes von 1562 belegt.

In den Bauerschaften des Umlandes verläuft die Entwicklung dagegen vergleichsweise ruhig. In den Rechtsverhältnissen der bäuerlichen Bevölkerung gibt es kaum Veränderungen. Geistliche und weltliche Grundherrschaften bestehen fort. Die Abwanderung von Eigenhörigen in die Städte ist im Münsterland ohne Erlaubnis oder Freilassung durch den Grundherrn kaum möglich. Aufnahmebeschränkungen der Städte schützen die adligen oder kirchlichen Interessen.

1623 - 1802

Vom Verlust der städtischen Selbstverwaltung bis zum Ende des Fürstbistums Münster

Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges treffen Rheine mehrfach schwer.

Als die Stadt sich 1622/23 weigert, weitere kaiserliche Truppen einquartieren zu lassen, wird sie vom eigenen Landesherrn eingenommen und durch Entzug der städtischen Privilegien bestraft. Kurfürst Ferdinand nutzt die militärische Besetzung auch dazu, die Rekatholisierung durchzusetzen und die stark protestantisch orientierten Städte seines Fürstentums fester in seine Herrschaft einzubinden. Durch Ausweisung von 27 protestantischen Familien aus Rheine wird die Stadt des größten Teils ihrer Führungsschicht beraubt. Für die Selbstverwaltung bedeutet dies eine lang nachwirkende Katastrophe. Der Bischof allerdings erreicht sein Ziel, einen rein katholischen und ihm willfährigen Rat einzusetzen.

Kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges wird Rheine im September 1647 von schwedischen und hessischen Truppen in Brand geschossen. Der verheerende Stadtbrand vernichtet fast die ganze Stadt. Die umliegenden Bauerschaften sind ohnehin von umherziehenden Truppen verwüstet und ausgeraubt. Auch im Siebenjährigen Krieg ist Rheine wieder von Einquartierungen und Kriegskontributionen betroffen.

Bei all diesen Schicksalsschlägen verwundert es nicht, dass die stetige Aufwärtsentwicklung der vorangegangenen Jahrhunderte im Dreißigjährigen Krieg endet. Wirtschaft und Bevölkerungsentwicklung erleiden Rückschläge und erholen sich nur sehr langsam. Die Einwohnerzahl des Kirchspiels Rheine (ohne Mesum) beträgt 1749 insgesamt 3131 Personen; von diesen wohnen in der Stadt Rheine 1783 und in den Bauerschaften 1348 Personen.

Trotz der Stagnation sind auch im 17. und 18. Jahrhunderte Fortschritte in einzelnen Bereichen festzustellen. Nach Ansiedlung des Franziskanerklosters erhält Rheine ein Gymnasium. Die Saline Gottesgabe wird zu einem für das 18. Jahrhundert modernen und effektiven Betrieb mit steigender Produktion ausgebaut. Die Zahl der in Rheine abgehaltenen Märkte steigt auf acht Termine im Jahr. Landschulen ermöglichen seit Ende des 18. Jahrhunderts auch auf dem Lande wenigstens ein Minimum an Schulbildung.

Grundlegende Veränderungen für Rheine werden Ende des 18. Jahrhunderts aber erst von außen bewirkt. Die Französische Revolution von 1789-1799 und die dadurch ausgelösten Kriege des revolutionären oder napoleonischen Frankreich gegen verschiedene Koalitionen der europäischen Staaten führen zur Neuordnung Europas. Die Auswirkungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803, das Ende des Alten Reiches und damit auch des alten Fürstbistums Münster lassen auch für Rheine ein neues Zeitalter beginnen.

1803 - 1814

Aufbruch in die Moderne – Landesfürstentum, Franzosenzeit und Einmarsch der Preußen

Die Jahre 1803-1814 sind eine Epoche des Übergangs.

In dieser vollzieht sich das Ende des alten Fürstbistums Münster und die Grundlegung des preußischen Westfalen. Der Vorgang erstreckt sich über mehrere Jahre mit Kriegen und wechselnden Herrschaftsverhältnissen. Rheine verliert mit dem Fürstbischof von Münster den Landesherrn, der Jahrhunderte lang die Geschicke der Stadt bestimmt hat. Nach einem kurzen Intermezzo im Mittelpunkt eines Kleinfürstentums erlebt Rheine die Franzosenzeit sowie den Einmarsch russischer und preußischer Truppen nach dem Sieg über Napoleon. Es handelt sich um einen relativ kurzen, aber unübersichtlichen Zeitraum mit einer Vielzahl von Veränderungen. Die Epoche ist am besten mit dem neutralen Begriff „Übergangszeit“ zu kennzeichnen.

Nach dem Ende des alten Fürstbistums Münster steigt Rheine zunächst zur Residenz des Herzogs und Hauptstadt des kleinen Landesfürstentums Rheina-Wolbeck auf. Im Rückblick handelt es sich bei diesem Zwergfürstentum um ein anachronistisches Gebilde, dem von Napoleons Gnaden auch nur die kurze Dauer von knapp drei Jahren beschieden ist. Die Rheinenser scheinen der früheren Herrschaft des Bischofs nicht nachzutrauern. Mit „Vivat Wilhelm Joseph“-Rufen begrüßen sie den Herzog von Looz-Corswarem bei seinem Einzug so freundlich, dass Josef Tönsmeyer ihnen noch 1978 eine „allzu devote, um nicht zu sagen, würdelose Haltung“, ja sogar „kriecherische Gesinnung“ vorwirft.

Die zweite Phase der Übergangszeit bildet die sogenannte „Franzosenzeit“. Rheine gehört zum Großherzogtum Berg, das 1806-1809 von Napoleons Schwager Joachim Murat und anschließend für seinen minderjährigen Neffen Louis Napoleon von Napoleon I. selbst verwaltet wird, bis es 1811 schließlich dem Kaiserreich Frankreich angeschlossen wird. Die Franzosenzeit wird in der Geschichte lange fast ausschließlich als „Fremdherrschaft“ abgetan. Krieg, Besatzung und Fremdheit der Sprache oder Gesetzgebung sind aber nicht die einzig wichtigen Aspekte der Franzosenzeit. Die napoleonische Herrschaft leistet auch einen Transfer gesellschaftlicher und politischer Ideen oder Reformen aus dem revolutionären Frankreich in die deutschen Territorien. Heute gestehen wir der Franzosenzeit zumindest die Auslösung eines Reformschubes zu, der z.B. in Preußen der Reformgesetzgebung Auftrieb verschaffte.

Das Ende der Franzosenzeit kündigt sich erst durch den Einmarsch russischer Kosakentruppen in Rheine an. Später ergreift Preußen mit einer provisorischen Regierungskommission Besitz vom Fürstentum Münster. Im Zusammenhang mit den weiteren Kämpfen gegen Napoleon erlebt Rheine das erste Aufkommen eines deutschen Nationalismus preußischer Prägung.

1815 - 1870

Die ersten Jahrzehnte unter preußischer Herrschaft

Mit der Niederlage bei Waterloo ist entschieden, dass der Versuch Napoleons, seine Herrschaft auf ganz Europa zu auszudehnen, gescheitert ist.

In Wien kommen die Monarchen des gesamten Kontinents zusammen, um nach zwei unruhigen Jahrzehnten eine dauerhafte Ordnung nach ihren Vorstellungen zu schaffen.

Preußen, das im Kampf gegen das revolutionäre Frankreich einen großen Teil der militärischen Lasten getragen hat, wird mit territorialen Gewinnen belohnt: so wird u.a. ganz Westfalen preußische Provinz.

Restauration der Fürstenmacht

In politischer Hinsicht erfährt die absolute Fürstenmacht im Wesentlichen eine Restauration. Das Verfassungsversprechen, das der preußische König Friedrich Wilhelm III. während der Befreiungskriege gegeben hat, bleibt viele Jahrzehnte unerfüllt. Erst die Revolution von 1848/49 zwingt ihn, zumindest in der verkrüppelten Form der „oktroyierten Verfassung“ von 1848 Zugeständnisse an das Volk zu machen. Als politische Neuerung ist nach 1815 allenfalls eine stark reglementierte und kontrollierte Selbstverwaltung der Städte anzusehen, während die Landbevölkerung weiterhin ohne Mitspracherechte bleibt. Als relativ modern können allenfalls die Strukturen der preußischen Verwaltung angesehen werden. Der gleichförmige Verwaltungsaufbau, die Qualifikation der meisten staatlichen Bediensteten und ein funktionierendes Kontrollsystem führen dazu, dass das staatliche Handeln aus der Sicht der Bürgerinnen und Bürger als verlässlich erscheinen muss. Eine der charakteristischen Neuerungen in der ersten Zeit der preußischen Herrschaft ist die Urkatasteraufnahme.

Nicht mehr rückgängig gemacht werden können die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen, die die Bevölkerung der meisten deutschen Teilstaaten in Folge der französischen Revolution erlebt hat: die weitgehende Abschaffung von Standesprivilegien, die Bauernbefreiung, die Abschaffung der Zünfte und damit verbunden eine neue Gewerbefreiheit.

Rheine weist zu Beginn des 19. Jahrhunderts kaum typische Merkmale einer Stadt auf. Die Siedlungsgrenze hat die Fläche des späten 15. Jahrhunderts nicht überschritten, die Einwohnerzahl stagniert seit vielen Jahren. Die meisten Bürger ernähren sich von einer Tätigkeit als Handwerker oder Händler, einige sind Tagelöhner, die meisten halten zumindest Kleinvieh und ernten Obst und Gemüse in Gärten außerhalb der früheren Stadtmauern zum eigenen Bedarf.

Beginn der industriellen Revolution

Rheine wird aber in den nächsten Jahrzehnten die neuen Chancen in einer Art und Weise so zu nutzen wissen, dass der Charakter der Stadt sich grundlegend verändert. Im Mittelpunkt dieser Veränderungen steht der Übergang von der handwerklichen zur industriellen Produktionsweise im Bereich der traditionell im nordwestdeutschen Raum schon vorhandenen Erzeugung und Verarbeitung von Garnen und Geweben. Hier hält 1844 die erste Dampfmaschine, das augenfälligste Symbol des technischen Fortschritts, ihren Einzug. Augenfällig erweist es sich, dass die Enge der Altstadt nicht in der Lage ist, die neue Form der Großproduktion zu beherbergen. Die Entwicklung der Stadt über die Ems hinweg wird eingeleitet.

Auch im Bereich der Landwirtschaft bahnen sich tiefgreifende Veränderungen an: Die bald nach Beginn der preußischen Zeit einsetzenden Teilungen der bisher nur extensiv genutzten Marken und ihre Verwandlung in Ackerflächen sind eine wesentliche Voraussetzung für die Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion und damit für die Versorgung der wachsenden städtischen Bevölkerung.

Die bereits 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluss eingeleitete Beseitigung vieler territorialer Grenzen bedeutet den Wegfall mancher früher bestehender Hemmnisse für den Handel. Für Rheine ergibt sich jedoch zugleich eine gewisse Verschlechterung. Der früher innerhalb des Fürstbistums Münster gelegene Handelsweg entlang der Ems nach Norden wird nun durch die neue Grenze zwischen den Königreichen Preußen und Hannover durchschnitten. Die Einrichtung eines Zollamtes kann die Nachteile, die sich aus der neuen Grenzlage ergeben, kaum kompensieren. Beim Ausbau der Ems und bei der Konzipierung der Eisenbahnlinien wird sich zeigen, wie mühselig solche Vorhaben sind, wenn sie nur durch den Abschluss zwischenstaatlicher Verträge realisiert werden können.

Die Eisenbahn schließlich markiert neben der Textilindustrie den zweiten wesentlichen Entwicklungsschub für die Stadt Rheine. Als im Jahre 1856 gleichzeitig der Verkehr in drei Richtungen aufgenommen werden kann, erweisen sich die 1815 gezogenen Grenzen allmählich als obsolet.

Konfessionelle Veränderungen

Auf konfessionellem Gebiete ergeben sich Veränderungen, die sich letztlich auf die Veränderung der politischen Strukturen zurückführen lassen: Bis 1803 war der katholische Bischof von Münster Landesherr in Rheine. Die preußische Herrschaft zeigt sich in Religionsfragen toleranter; zugleich führt sie zu einem Zuzug von Verwaltungsbeamten evangelischer Konfession. Markanter Ausdruck dieser Entwicklung ist die Gründung einer evangelischen Kirchengemeinde im Jahre 1838.

1871 - 1918

Rheine in der Zeit des Kaiserreiches

In den drei „Einigungskriegen 1864, 1866 und 1870/71 hat Preußen gezeigt, dass es den militärisch und politisch stärksten deutschen Teilstaat darstellt.

Mit der Proklamation des preußischen Königs zum deutschen Kaiser im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles übernimmt es auch förmlich die Führungsrolle in Deutschland.

Dies bedeutet für die preußischen Gebiete und damit auch für Rheine, dass in der Verwaltungsorganisation kaum Veränderungen eintreten. Eine politische Veränderung stellt die Einrichtung des Reichstages ein, der zusammen mit dem von den früher regierenden Fürsten dominierten Bundesrat die Legislative ausübt. Dieser Reichstag wird von allen Männern über 25 Jahren nach den Regeln des Mehrheitswahlrechtes gewählt. Für die kommunalen Wahlen und die Wahl des preußischen Abgeordnetenhauses gelten nach wie vor die das Dreiklassenwahlrecht, das die Stimmen der wohlhabenden Wähler deutlich stärker gewichtet als die der niedrigen Einkommensgruppen. Das Mehrheitswahlrecht begünstigt die Entwicklung von politischen Parteien auch in Rheine. Entsprechend den konfessionellen Mehrheitsverhältnissen erhalten hier die Kandidaten der Zentrumspartei bei allen Wahlen im Kaiserreich die Mehrheit.

Anfänge der Parteien

Die Details der Frühgeschichte der Zentrumspartei in Rheine sind bisher nicht erforscht. Als sich in den siebziger Jahren Auseinandersetzungen im Rahmen des Kulturkampfes auch in Rheine abspielen, erscheinen diese als spontane Volksbewegungen, ohne dass der Einfluss einer politischen Organisation erkennbar ist. Um die Jahrhundertwende stellt sich die Zentrumspartei als eine Organisation dar, der es offenbar nicht immer gelingt, die Interessen der landwirtschaftlichen und der industriellen Wähler nahtlos miteinander zu verknüpfen.

Die Sozialdemokratie ist nach 1890 trotz der förmlichen Aufhebung des „Sozialistengesetzes“ noch vielen Repressionen und Schikanen ausgesetzt. Die 1898 gegründete Ortsgruppe Rheine stellt bis zum Ende der Kaiserzeit gegenüber der Zentrumspartei jedoch kein wirkliches Gegengewicht dar.

Schon 1866 ist das Königreich Hannover von Preußen annektiert worden; dies bedeutet für Rheine den Verlust der ungünstigen Grenzlage und eine Verbesserung der Verkehrsverbindungen nach Westen, Norden und Osten. Markantester Ausdruck dieser Neuerungen ist der Bau des Dortmund-Ems-Kanals kurz vor der Jahrhundertwende. Aber auch das Eisenbahnnetz wird nun verdichtet und um etliche Nebenstrecken erweitert. Parallel dazu erfolgt der Ausbau der Landstraßen in alle Himmelsrichtungen.

Dominanz der Textilindustrie

Was sich in der ersten Hälfte des Jahrhunderts als Veränderung auf wirtschaftlichem Gebiet schrittweise abzeichnete, gewinnt nun eine neue Entwicklungsgeschwindigkeit: die Textilindustrie wird der wichtigste Wirtschaftszweig der Stadt. Die meisten neuen Spinnereien und Webereien entstehen auf der rechten Seite der Ems, gleichzeitig oder kurz darauf wachsen neue Arbeiterwohnviertel aus dem Boden, vielfach außerhalb der bisherigen Stadtgrenzen.

Was sich in dieser Zeit an Maschinenbauunternehmen entwickelt, ist vielfach als Zulieferbetrieb für die Textilindustrie zu betrachten. Neuerungen sind auch im Bereich der Stadttechnik erforderlich, um die Bedürfnisse der wachsende Bevölkerung befriedigen zu können.

Zuwanderung aus den Niederlanden

Während in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die „Hollandgängerei“ deutscher Arbeiter charakteristisch ist, kippt die Richtung der Arbeitskräftewanderung nun um. Seit etwa 1880 machen niederländische Arbeiter einen Großteil der Zuwanderung in die Stadt aus. Da sie überwiegend evangelisch sind, ergibt sich schon kurz nach Errichtung der ersten katholischen Kirche auf der rechten Seite der Ems die Notwendigkeit, hier auch eine evangelische Kirche zu errichten.

Der Beginn des Ersten Weltkrieges wird in Rheine ähnlich begeistert aufgenommen wie in den meisten übrigen Gebieten des Deutschen Reiches. Aufgrund der von den Kampfschauplätzen entfernten Lage werden die Kriegshandlungen selbst nicht unmittelbar erfahrbar. Viele Familien sind jedoch von den Einberufungen ihrer Männer oder Söhne betroffen und in Verlaufe des Krieges zeigen sich dessen Auswirkungen immer deutlicher im Alltagsleben der Stadt, nicht zuletzt im starken Anstieg der Lebensmittelpreise 1917. Einzelne Stimmen äußern sich unzufrieden über die Dauer des Krieges, konkrete Auswirkungen auf die öffentliche Ordnung oder das politische Leben hat dies jedoch bis zum Ende des Jahres 1918 nicht.

1918 - 1932

Die Jahre der Weimarer Republik

Das Ende des Ersten Weltkrieges ist mit einer grundlegenden Veränderung der politischen Strukturen in Deutschland verbunden.

Am 9. November 1918 ist die Monarchie der Hohenzollern bereits gestürzt worden, bevor am 11. November 1918 im Wald bei Compiègne der Waffenstillstand zwischen Deutschland und den Alliierten unterzeichnet wird.

Auch in Rheine wird das Ende des Kaiserreiches zunächst als der Zusammenbruch jeglicher Form staatlicher Gewaltausübung und Kontrolle empfunden. So erklärt es sich, dass hier - wie anderswo - mit den Arbeiter- und Soldatenräten neue Organisationsformen geschaffen werden, die bis zur Wiederherstellung einer gefestigten staatlichen Ordnung auch von politisch gemäßigten Gruppierungen mitgetragen werden. Die politische Linke sieht in ihnen eine auf Dauer angelegte, qualitativ neue Form der politischen Verfassung, kann sich mit dieser Auffassung jedoch nicht durchsetzen.

In der ersten Hälfte des Jahres 1919 kann sich die Weimarer Republik etablieren. Sie realisiert ein nie gekanntes Maß an politischen Mitbestimmungsrechten der Bürger auf allen politischen Ebenen. Dies wird besonders deutlich in der Ausdehnung des Wahlrechtes auf die Frauen sowie in der Abschaffung des Dreiklassenwahlrechtes.

Auf örtlicher Ebene treten nun neben den bisher schon vorhandenen Parteien neue politische Gruppierungen, die fast die gesamte Bandbreite des im Reich vorhandenen politischen Spektrums abdecken, jedoch nicht verhindern können, dass die Zentrumspartei bis 1933 im Rat die absolute Mehrheit der Stimmen behält.

Die Unruhen der frühen Jahre der Republik - der Kapp-Putsch 1920, die Ruhrbesetzung 1923 und ihre Folgen - finden auch in Rheine ihren Niederschlag. Dabei ist auch die räumliche Nähe zum Ruhrgebiet, einem der zentralen Krisenherde dieser Jahre, von Bedeutung.

Die politische Beruhigung, die Mitte der zwanziger Jahre eintritt, ermöglicht es, neue Maßnahmen im Rahmen der Sozialstaatlichkeit umzusetzen. Hierzu gehört in erster Linie - noch heute an vielen Stellen im Stadtbild erkennbar - die Förderung des Wohnungsbaus durch die Kommune, aber auch durch genossenschaftliche Träger und durch das Unternehmertum. Typisch für diese kurze Zeitspanne dieser „Goldenen Zwanziger“ ist auch die prachtvolle Art und Weise, wie die Stadt Rheine und die in ihr verwurzelten Vereine das 600. Jubiläum der Stadtrechtsverleihung feiern.

Die Probleme, die schließlich zum Ende der Weimarer Republik führen, zeigen sich auch in Rheine: Im Gefolge der Weltwirtschaftskrise geraten etliche der hier ansässigen Textilbetriebe in Turbulenzen, müssen schließen oder zumindest Arbeiterinnen und Arbeiter entlassen; Auswirkungen hat die schlechte konjunkturelle Lage auch auf den handwerklichen Mittelstand. Hier finden die Parteien, die die Weimarer Republik mit gänzlich unterschiedlichen Perspektiven bekämpfen, ihren Nährboden. Die NSDAP tritt 1923/24 kurz in Rheine auf, um dann erst wieder in den Jahren der Weltwirtschaftskrise an Bedeutung zu gewinnen. Auch die KPD gewinnt zu Beginn der dreißiger Jahre bei den politischen Wahlen an Einfluss.

Von etwa 1930 zeigen sich erhebliche Veränderungen im politischen Klima: Auseinandersetzungen werden immer weniger argumentativ als vielmehr mit Gewalt auf der offenen Straße ausgetragen.

1933 - 1945

Rheine in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft

Am 30.1.1933 ernennt Reichspräsident von Hindenburg Adolf Hitler, den Führer der NSDAP, zum Reichskanzler.

In den nächsten Wochen und Monaten vollzieht sich die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Nach dem Brand des Reichstagsgebäudes werden Ende Februar 1933 zunächst für vier Jahre die wesentlichen Grundrechte außer Kraft gesetzt. Damit hat die neue Reichsregierung die Möglichkeit, alle politischen Gegner auszuschalten. Die KPD wird dadurch zerschlagen, dass etwa ein Viertel ihrer Mitglieder verhaftet werden.

Die Reichstagswahl vom 5.3.1933 bringt der NSDAP zwar nicht die erhoffte absolute Mehrheit, aber mit 43,9 % ihr bisher bestes Ergebnis. Im Bündnis mit der DNVP kann sie nun ihre Machstellung ausbauen, insbesondere durch das Ermächtigungsgesetz, das die Trennung von Legislative und Exekutive faktisch aufhebt. Die SPD wird am 22.6.1933 förmlich verboten, die bürgerlichen Parteien lösen sich selbst auf, so dass vom Juli 1933 an nur noch die NSDAP als legale Partei existiert.

Die Ereignisse auf Reichsebene entfalten eine solche Dynamik, dass sich auch auf kommunaler Ebene fast gleichzeitig überall die Machtübernahme der Nationalsozialisten unabhängig von den bisherigen Mehrheitsverhältnissen vollzieht. Dies gilt auch für Rheine, wo die bisher dominierende Zentrumspartei schon Mitte 1933 jeglichen Einfluss verloren hat.

Die Gleichschaltung erfasst Gewerkschaften und Jugendorganisationen sowie einen großen Teil der Sportvereine und engt auch die Handlungsmöglichkeiten der kirchlichen Verbände erheblich ein. Die zahlreichen vordergründig erfolgreichen Maßnahmen Hitlers zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit tragen zum größten Teil gleichzeitig zu einer zunächst verdeckten, dann Mitte der dreißiger Jahre immer unverhüllter werdenden Aufrüstung und Kriegsvorbereitung bei. Im Stadtbild von Rheine entsteht in diesem Zusammenhang das Silo an der Emsmühle und nach der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 werden Militärbauten auf dem Dorenkamp, am Waldhügel und in Bentlage errichtet.

Ende der dreißiger Jahre gewinnt man in Rheine wie fast überall im Reich den Eindruck, dass die Nationalsozialisten die vor 1933 propagierten Ziele im Wesentlichen erreicht und damit ihre Position beim größten Teil der Bevölkerung gefestigt haben. Als Ausdruck dieser Machtsicherung kann die Ersetzung Bürgermeister Schüttemeyers durch einen linientreuen Parteigenossen im Herbst 1939 gesehen werden. Allenfalls die katholische Kirche löst sich zunehmend von ihrer früheren Tolerierungspolitik und entwickelt seit 1937 in Einzelfällen offenen Widerstand gegen die Machthaber von Staat und Partei. Die NSDAP zeichnet sich durch eine militante Judenfeindlichkeit aus. Im April 1933 organisiert die SA in Rheine wie anderswo im Reich den Boykott jüdischer Geschäfte, im November 1938 wird die Synagoge angezündet und ab Ende 1941 beginnen die Transporte in die Vernichtungslager, überwiegend in das lettische Riga.

Anders als im ersten Weltkrieg wird die Zivilbevölkerung in Rheine nach dem Kriegsbeginn 1939 bald unmittelbar in das militärische Kampfgeschehen einbezogen. Die Bedeutung der Stadt als Garnison, als Eisenbahnknotenpunkt und als Industriestandort führt dazu, dass Rheine zunehmend den Luftangriffen der Alliierten ausgesetzt ist, viele Tote und Verletzte zu beklagen hat und starke Zerstörungen von Fabriken, Verkehrsanlagen und Wohnungen erleidet.

1945 - 1974

Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder

Das Jahr stellt in doppelter Hinsicht eine Zäsur in der deutschen Geschichte dar.

Einerseits bringt es das Ende des Zweiten Weltkrieges, andererseits - und damit engstens verbunden - setzt es einen Schlussstrich unter die zwölf Jahre der NS-Herrschaft.

Mit dem am 2.8.1945 unterzeichneten Potsdamer Abkommen sind die Grundlinien der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der nächsten Jahre vorgezeichnet. Zunächst übernehmen die Siegermächte vollständig die Regierungsgewalt in Deutschland - gemeint sind damit die Gebiete westlich von Oder und Neiße -, dies jedoch nicht, um das deutsche Volk zu unterdrücken, sondern um eine Entwicklung zu einem demokratischen und friedlichen Gemeinwesen herbeizuführen. Der Wiederaufbau der neuen Demokratie vollzieht sich schrittweise von unten nach oben.

Verstärkt werden auch in Rheine die Belastungen, die sich aus den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges ergeben, durch den Zustrom von Deutschen, die aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße vertrieben worden sind.

Entgegen den Beschlüssen von Potsdam kommt es 1949 nicht zu einer einheitlichen Staatsbildung auf dem Gebiet aller vier Besatzungsmächte. Die drei Westzonen schließen sich im Mai zur Bundesrepublik Deutschland zusammen, die sowjetische Besatzungszone konstituiert sich im Oktober zur DDR.

Die im Potsdamer Abkommen vorgesehe totale Entmilitarisierung Deutschlands bedeutet für Rheine, dass für über ein Jahrzehnt alle militärischen Verbände und Einrichtungen aus der Stadt verschwinden.

Markante Veränderungen sind auch hinsichtlich des Spektrums der politischen Parteien erkennbar: Keine Rolle spielt bis heute in Rheine der politische Rechtsradikalismus. Der anfängliche Konsens aller anderen Parteien zerbricht in dem Maße, in dem auch auf globaler Ebene die Anti-Hitler-Koalition auseinanderfällt: Wird 1946 noch das KPD-Mitglied Bruno Spottek einstimmig zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt, so kommt es Anfang der fünfziger Jahre zu einer deutlichen Ausgrenzung der Kommunisten aus allen politischen und gesellschaftlichen Bereichen.

Prägend für die Entwicklung bis heute ist auch der Übergang der meisten früheren Zentrums-Mitglieder und -anhänger zur CDU. Der neugeschaffene organisatorische Rahmen soll die konfessionelle Einseitigkeit der Zentrumspartei aufbrechen und auch die wenig konsequente Haltung der Zentrums-Führer gegenüber der NSDAP im Jahre 1933 vergessen lassen.

In den fünfziger Jahren erlebt Rheine das „Wirtschaftswunder“. Nach den Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit scheint es kaum noch Grenzen des Wirtschaftswachstums sowie daraus resultierender Einkommensverbesserungen zu geben.Das zu Grunde liegende System der „sozialen Marktwirtschaft“ wird kaum noch in Frage gestellt. Die in Rheine immer noch dominierende Textilindustrie erlebt eine letzte Blütezeit.

Die weltpolitische Polarisierung zwischen den USA und der UdSSR führt nun auch dazu, dass die Bundesrepublik Deutschland 1955 die Bundeswehr aufstellt und ein Jahr später die allgemeine Wehrpflicht einführt. Für Rheine hat dies weitreichende Folgen: die Stadt wird zum zweitgrößten Bundeswehrstandort in Nordrhein-Westfalen.

Ende der sechziger Jahre werden vielfach Zweifel laut an der eindeutigen Richtigkeit des bisherigen Rekonstruktionskurses der Bundesrepublik Deutschland; die vor allem von den Studenten getragene Protestwelle erreicht Rheine jedoch nur am Rande.

Die Kommunalpolitik konzentriert sich in dieser Zeit bereits auf die leidenschaftlich geführte Diskussion um die kommunale Neuordnung.

1975 - 2002

Rheine nach der kommunalen Neuordnung

Die kommunale Neuordnung, die zum 1. Januar 1975 in Kraft tritt, stellt formell einen Zusammenschluss von fünf bisher selbstständigen Gemeinden zur größeren Stadt Rheine dar.

Die unterschiedlichen Gewichte der sich zusammenschließenden Gemeinden können jedoch den Eindruck entstehen lassen, dass es ich faktisch um die Eingemeindung des Amtes Rheine in die Stadt Rheine handelt.

Das Verhältnis der neuen zu den alten Stadtbewohnern spielt in den nächsten Jahrzehnten auch in der Kommunalpolitik eine wesentliche Rolle. Anfangs werden den neuen südlichen Stadtteilen eigene Bezirksausschüsse mit konkret definierten Beschlusskompetenzen zugestanden. Als 1994 die rot-grüne Mehrheit im Rathaus das Sagen erhält, werden die Bezirksausschüsse abgeschafft; an ihre Stelle treten Bürgerforen in allen Stadtteilen, den alten wie den neuen. Hier kann jeder, der sich von einem kommunalpolitischen Thema berührt fühlt, zu Worte melden, ohne dass diese Foren verbindliche Beschlüsse fassen können.

Stadtteilausschüsse ersetzen Bürgerforen

Im Jahre 1999 greift die CDU nach der Wiedererringung der Mehrheit im Stadtparlament das Konzept der Bezirksausschüsse in modifizierter Form wieder auf: sechs Stadtteilausschüsse sollen als Verbindungsglieder zwischen Bürgern und den zentralen politischen Vertretungsinstanzen fungieren. Ob diese Funktion von den Stadtteilausschüssen tatsächlich effektiv wahrgenommen werden kann, wird sich erst in einigen Jahren erweisen. In der Anlaufphase zumindest häufen sich personelle Wechsel und Leserbriefe unzufriedener Ausschussmitglieder in der Lokalpresse.

Die in den ersten Nachkriegsjahrzehnten oft recht offen geführte Auseinandersetzung zwischen den Stadtteilen rechts und links der Ems wird vielfach abgelöst durch die Gegenüberstellung der Interessen der Kernstadt und der südlichen Stadtteile. Als der Bürgermeister, der Vorsitzende der CDU-Mehrheitsfraktion und der Vorsitzende der CDU-Stadtunion zu Beginn des neuen Jahrtausends sämtlich in Mesum ihren Wohnsitz haben, hört man suffisante Bemerkungen, jetzt werde Rheine wohl von Mesum aus regiert...

Strukturwandel der Wirtschaft

Schon in den sechziger Jahren hat die Strukturkrise der Textilindustrie Rheine voll erfasst. Angesichts des Wegfalls vieler Arbeitsplätze stellt jetzt neben dem Ausbau des Dienstleistungssektors die Ansiedlung neuer Industriezweige ein zweites Standbein der städtischen Wirtschaftsentwicklung dar. Dabei lassen sich eine Reihe von zukunftsträchtigen Weiterentwicklungen traditioneller Unternehmensprofile feststellen: Die Maschinenbaufirma Tacke baut Windkraftanlagen, apetito steigt zum Marktführer im Bereich der Gemeinschaftsverpflegung auf. Ganz neue Wege beschreitet das 1992 eingeweihte Transferzentrum für angepasste Technologien (TaT).

Der Zerfall des kommunistischen Staatensystems, insbesondere das Ende der DDR 1990 und der Sowjetunion 1991, wirken sich in widersprüchlicher Weise auf die weitere Entwicklung der Stadt Rheine aus: Einerseits führt die Veränderung der weltpolitischen Gesamtlage dazu, dass die Bundeswehr ihre Gesamtstärke reduziert und infolgedessen auch einzelne Verbände auflöst: neben Ausdünnungen der Heereseinheiten erlebt Rheine die Auflösung des Jagdgeschwaders 72 „Westfalen“. Andererseits erhöht sich die Bevölkerungszahl der Stadt vor allem durch den Zuzug von deutschstämmigen Bürgern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Reiner Wellmann überschreibt in der Münsterländischen Volkszeitung seinen Jahresrückblick auf das abgelaufene Jahr 2001 zwar „Ein schwarzes Jahr für Rheine“ und geht in diesem Zusammenhang auf den bevorstehenden Abzug von Bundeswehr-Verbänden, die Insolvenz bei der Windhoff AG und auf die schlechte Haushaltslage der Stadt ein, fährt dann aber fort: „Wer in diesen Tagen durch Rheine fährt, der muss feststellen, dass seit der Stadtsanierung nicht mehr soviel gebaut wurde wie in diesem Jahr. Entlang des Kardinal-Galen-Ringes gewinnt Rheine neue Konturen. Der Abriss des Metropol-Theaters hat dem Stadtbild sicher nicht geschadet. Von der Gelben Villa, über die ehemalige Güterabfertigung bis hin zum Komplex Kino-Zentrum / Möbel Berning entstehen stadtbildprägende neue Gebäude. Die Lindenstraße wird im oberen Teil völlig neue Konturen erhalten. Die Stadt wandelt sich - neue Dienstleistungsstrukturen sind unverkennbar.“

Quelle: rheine.de



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