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Alte Historische Fotos und Bilder Lutherstadt Wittenberg, Sachsen-Anhalt
Old historical photos and pictures Wittenberg, Saxony-Anhalt

Wenn Sie habe Vergessen deine Vergangenheit - Ihr wirst keine Zukunft haben


Wappen Wittenberg

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Geschichte von Lutherstadt Wittenberg Land Sachsen-Anhalt in Fotos
History of Wittenberg, Saxony-Anhalt in photos

Eine kleine historische Referenz

Geographie: Seit 1938 amtlich Lutherstadt Wittenberg.

Gründungszeitpunkt:

Einwohner: 46 276

Geschichte:

Sehenswürdigkeiten:

Wittenberg. Gebäude außen, 1919
Gebäude außen, 1919
Wittenberg. Stadtkirche, 1918
Stadtkirche, 1918
Wittenberg. Stadtblick vom Kirchturm Schloß
Stadtblick vom Kirchturm Schloß
Wittenberg. Collegienstraße und Hamlethaus, 1968
Collegienstraße und Hamlethaus, 1968
Wittenberg. Coswiger Straße, in der Ferne - Schloßkirche, 1944
Coswiger Straße, in der Ferne - Schloßkirche, 1944
Wittenberg. Ehemalige Universität in der Collegienstraße
Ehemalige Universität in der Collegienstraße
Wittenberg. Elbbrücke
Elbbrücke
Wittenberg. Panorama von Stadt, 1953
Panorama von Stadt, 1953
Wittenberg. Paul-Gerhardt-Straße
Paul-Gerhardt-Straße
Wittenberg. Martin Luther Haus
Martin Luther Haus
Wittenberg. Lutherhaus in der Collegienstraße, 1931
Lutherhaus im Hofe des Augusteums in der Collegienstraße (ehemaliges Augustinerkloster), 1931
Wittenberg. Luther-Denkmal
Martin Luther Denkmal
Wittenberg. Market, 1915
Marktplatz, 1915
Wittenberg. Market, 1916
Marktplatz, 1916
Wittenberg. Marktplatz - Blick gegen Rathaus und Stadtkirche, 1906
Marktplatz - Blick gegen Rathaus und Stadtkirche, 1906
Wittenberg. Marktbrunnen, 1963
Marktbrunnen, 1963
Wittenberg. Rathaus, nach 1945
Rathaus, nach 1945
Wittenberg. Rathaus mit Martin Luther Denkmal und Philipp Melanchthon Denkmal, um 1930
Rathaus mit Martin Luther Denkmal und Philipp Melanchthon Denkmal, um 1930
Schloß Wittenberg, 1931
Schloß Wittenberg, 1931
Wittenberg. Schloßstraße, in der Ferne - Schloßkirche, 1967
Schloßstraße, in der Ferne - Schloßkirche, 1967
Wittenberg. Schwanenteich
Schwanenteich
Wittenberg. Stadtkirche St. Marien, 1975
Stadtkirche St. Marien, 1975
Wittenberg rund um Schloßkirche, Luftaufnahme, 1979
Wittenberg rund um Schloßkirche, Luftaufnahme, 1979
Wittenberg. Wohnhaus von Philipp Melanchthon, 1931
Wohnhaus von Philipp Melanchthon, 1931

Geschichte

Bis 1200

Ausgrabungsfunde aus verschiedenen prähistorischen Epochen auf dem Territorium Wittenbergs lassen bereits eine frühzeitliche Besiedlung des Stadtgebietes vor zirka 10.000 Jahren erkennen. In einer Urkunde vom 12. April 965 (bei der es sich jedoch vermutlich um eine Fälschung aus dem Jahre 1000 handelt) ist überliefert, dass die Gegend, in der sich das heutige Wittenberg befindet, als der slawische Gau Nizizi bezeichnet wurde. Dieser erstreckte sich entlang der Elbe von der Mündung der Schwarzen Elster (im Osten) bis zur Mündung der Mulde (im Westen).

Die ersten verlässlichen Erwähnungen, die direkt auf das heutige Territorium der Stadt zutreffen, stammen aus den Jahren 973/1004. Dort werden die heutigen Ortsteile Pratau (Broth, 973) und Seegrehna (Grodisti, 1004) erwähnt. Die erste Erwähnung des Namens Wittenberg findet sich möglicherweise bereits im Jahre 1174, als ein Graf Thiedrich von Wittburc genannt wird, der offensichtlich der Burgmann des in einer Urkunde des Bischofs Balderam von Brandenburg für das Kloster Leitzkau um 1187 erwähnten burchwardum […] Wittenburg war, in dem ebenfalls eine Kirche erwähnt wird, die als Vorläuferin der heutigen Stadtkirche anzusehen ist.

Von 1200 bis 1486

Die Entwicklung der Stadt ist eng verbunden mit der Politik der Askanier. Nachdem Bernhard von Sachsen 1180 die Herzogswürde von Sachsen erhalten hatte, erbte sein Sohn Albrecht I. das Gebiet um Wittenberg und die Herzogswürde Sachsens. Nach einer Urkunde vom 11. September 1227 errichtete seine Gemahlin Helena von Sachsen ein Franziskanerkloster, was auf eine bevorzugte Stellung der Gemarkung bei den Askaniern hinweist; das Kloster gehörte zur Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia). Ihr Sohn Albrecht II., der gemeinsam mit seinem Bruder Johann I. von Sachsen-Lauenburg regierte, hatte durch dessen Abdankung von seinem Schwiegervater Rudolf von Habsburg die Kurwürde erhalten. Johann I. trat nach rund 20 Jahren seiner unglücklichen Regierung 1282 das Regierungsrecht an seine Söhne ab und setzte während der Zeit ihrer Minderjährigkeit Albrecht II. als Vormund ein; er selber trat in das Franziskanerkloster Wittenberg ein und wurde dessen Vorsteher (Guardian). Dort starb er am 30. Juli 1285.

Da Albrecht II. sich ständig in Wittenberg aufhielt, wurde der Ort zu seiner Residenz von Sachsen-Wittenberg, und es entbrannte eine Auseinandersetzung mit der sachsen-lauenburgischen Linie. Wittenberg selbst hatte sich von einer Gemarkung mit Bauern, Handwerkern und Kaufmannsleuten, begünstigt durch die verkehrsgünstige Lage, zu einem Ort mit einem bestehenden Gemeinwesen entwickelt. Um sich die Treue seiner Untertanen zu sichern, verlieh Albrecht II. am 27. Juni 1293 Wittenberg das Stadtrecht. Damit entstanden die Voraussetzungen, dass sich in Wittenberg ein Bürgertum entwickeln konnte.

Durch den weiteren Erwerb von Gerechtsamen stieg der Einfluss der Bürger Wittenbergs, so dass eine Selbstverwaltung entstand, die 1317 erstmals als Rat nachgewiesen ist. 1332 erlangte die Stadt die niedere Gerichtsbarkeit und konnte so den sich entwickelnden Gewerken der Bäcker, Fleischer, Schuh- und Tuchmacher einen regulierten entwickelten Rahmen geben. Dazu zählen auch das 1354 verliehene Marktrecht, die 1380 erhaltene Fährordnung, aber auch die mit dem Stadtrecht verliehene Erlaubnis zur Errichtung von Stadtmauern. So konnten die Hussiten 1429 die Stadt zwar belagern, jedoch nicht einnehmen.

Obwohl mit dem Erwerb von Gerechtsamen der Einfluss der Askanier in der Stadt sank, spielten diese in der Reichspolitik eine immer größere Rolle. Vor allem Rudolf I. führte Sachsen-Wittenberg mit einer geschickten Territorialpolitik 1356 vom Herzogtum zum bestätigten Kurfürstentum. Damit erlangte Wittenberg den Status einer kursächsischen Hauptstadt. Lange sollte diese Phase nicht anhalten. Mit dem Tod Albrechts III. im Jahre 1422 verloren die Askanier die sächsische Kurwürde an die Wettiner. Damit schwand ebenfalls der Status einer kurfürstlichen Residenz. Von Friedrich dem Streitbaren wurden Wittenberg zwar alle bis dahin erworbenen Rechte bestätigt und 1444 um die höhere Gerichtsbarkeit erweitert, dennoch entwickelte sich Wittenberg zunächst als Stadt ohne besondere Bedeutung weiter. Sein Nachfolger Friedrich der Sanftmütige genehmigte ab 1451 der Stadt in ihrer Münzstätte Wittenberg die Herstellung eigener Heller.

Durch die 1485 herbeigeführte Leipziger Teilung spalteten sich die Wettiner in eine ernestinische und eine albertinische Linie. Obwohl Ernst von Sachsen als älterer Bruder die Kurwürde erbte, fielen die Universitätsstadt Leipzig und der Hauptregierungssitz Meißen an Albrecht den Beherzten. Somit war Kurfürst Ernst dazu gezwungen, neue Residenzstädte zu wählen. Vor allem Torgau, Weimar und Wittenberg, die zu diesem Zeitpunkt einwohnerreichste der drei genannten Städte, entwickelten sich zu den Zentren seiner Herrschaft. Beim Tod des Kurfürsten war der Residenzausbau Wittenbergs allerdings kaum vorangeschritten: Das alte Schloss der Askanier war verfallen, im Vorgängerbau des heutigen Rathauses waren Fleischerläden untergebracht und die vorhandenen Sakralbauten fielen wenig repräsentativ aus.

Residenzausbau unter Kurfürst Friedrich dem Weisen (1486–1525)

Mit dem Regierungsantritt des ernestinischen Kurfürsten Friedrich III., genannt dem Weisen, begann im Jahr 1486 die Blütezeit Wittenbergs. Dank der reichen Einkünfte aus dem Silberbergbau im Erzgebirge verfügte Friedrich III. über die finanziellen Ressourcen zur architektonischen Umgestaltung Wittenbergs. Dank seiner Residenz- und Universitätsgründung konnte Wittenberg letztlich zu einem geistigen Zentrum des Humanismus und als Wirkungsstätte Martin Luthers zum Mittelpunkt der Reformation aufsteigen. Wittenbergs Status als Stätte des UNESCO-Weltkulturerbe geht hauptsächlich auf diesen Zeitabschnitt zurück. Die Stadt sollte dem Anspruch des Kurfürsten entsprechend mit der Meißener Albrechtsburg, dem Hauptsitz der albertinischen Linie, konkurrieren können.

Friedrich verlegte die kurfürstliche Residenz aus drei Gründen nach Wittenberg: Erstens sollte eine historische Bezugnahme auf den alten Hauptort des askanischen Kurfürstentum Sachsen-Wittenberg (1365–1423) der Legitimation seiner Herrschaft dienen. Zweitens ermöglichte es die geographische Lage Wittenbergs zwischen Halle an der Saale und Magdeburg, den beiden Hauptaufenthaltsorten der Magdeburger Erzbischöfe, eine politisch-strategische Kontrolle auf das Erzstift Magdeburg auszuüben. So gelang es 1489 Friedrichs Bruder, Ernst II. von Sachsen, in Magdeburg als Erzbischof einzusetzen. Die verwandtschaftliche Nähe zu Friedrich garantierte eine Absicherung der einzelnen, teilweise nicht miteinander verbundenen landesherrlichen Territorien in Mitteldeutschland. Drittens lag Wittenberg mit der Elbe an einer wichtigen Wasserstraße.

Die 1487 errichtete hölzerne Elbbrücke ließ der Kurfürst ab 1490 mit dem Bau eines neuen, dreiflügeligen Renaissanceschlosses strategisch absichern. Damit brachte Friedrich III. den Südzugang der Stadt unter seine Kontrolle. Die Brücke ersetzte einen Vorgängerbau, der 1428 durch schweren Eisgang zerstört worden war. Bis zur Neuerrichtung hatten Fähren den Verkehr aufrechterhalten, denn über die Elbe wurde Getreide, Wein, Holz und Hering von Norddeutschland nach Böhmen verschifft. Obwohl Wittenberg keine bedeutende Handelsstadt war, mussten die Händler ihre Waren bei der Brücke umladen, in der Stadt zum Verkauf anbieten und dem Kurfürsten Zoll zahlen, bevor sie weiterreisen durften.

Da der Umbau der alten Askanierburg zu aufwendig gewesen wäre, ließ sie 1489 Friedrich III. abtragen, weshalb über ihr Aussehen heute nichts mehr bekannt ist. Der Bau des neuen Renaissanceschlosses erwies sich als logistische Herausforderung: Sandstein musste mühselig von Pirna, Kalkstein von Magdeburg und sonstiges Steinmaterial von der ebenfalls sich im Abbruch befindenden alten Burg in Torgau herangeschafft werden. Das Bauholz stammte aus der Dübener Heide und von Tetschen im heutigen Tschechien, wohin die Bauarbeiter gegen die Elbströmung treideln mussten, um überhaupt zum Abbaugebiet zu gelangen. Häufig bedrohten Niedrigwasser oder Eisgang der Elbe den Fortgang ihrer Arbeit. Zuerst entstand der südwestliche Schlossflügel mit dem Wohnturm Friedrichs des Weisen. Dort begannen bereits 1492/1493 die ersten Innenarbeiten, über die allerdings nur wenig bekannt ist. Die dortigen Holzvertäfelungen und Leinwände des Schlosses wurden aber vermutlich von dem Hofmaler Lucas Cranach dem Älteren gestaltet. Fatalerweise bildete der Südwestflügel mit seinen starken Mauern zugleich einen Teil der Stadtbefestigung, sodass er später im Siebenjährigen Krieg starken Artilleriebeschuss ausgesetzt werden sollte. Der mittlere Westflügel mit dem Nordwestturm, in dem Friedrichs Bruder und Nachfolger Johann der Beständige wohnte, wurde als nächstes angelegt. Der Ostflügel und die Schlosskirche entstanden als letzter Teil des Schlosskomplexes. Bis 1509 war der Bau von Schloss und Schlosskirche im Wesentlichen abgeschlossen.

Die Schlosskirche diente sowohl als Aufbewahrungsort von Friedrichs Reliquiensammlung, des sogenannten Wittenberger Heiltums, als auch als Grablege der ernestinischen Kurfürsten. An jedem zweiten Sonntag nach Ostern ließ hier der Kurfürst seine Reliquien den Pilgern öffentlich zur Schau stellen. Ganz nach spätmittelalterlichem Verständnis wurde den Gläubigen Sündenvergebung versprochen, wenn sie die Reliquien betrachteten und eine Spende (Ablass) entrichteten. In den sogenannten Wittenberger Heiltumsbüchern von 1509, die durch den Buchdruck im ganzen Heiligen Römischen Reich verbreitet wurden, hielt Lucas Cranach in 119 Holzstichen insgesamt 5005 Reliquien der Schlosskirche fest. 501.300 Tage Sündenvergebung sollten die Pilger sich damit erkaufen können. Selbst nach dem Thesenanschlag Martin Luthers vergrößerte Friedrich seine Sammlung noch, um zu verhindern, dass seine sächsischen Untertanen ihr Geld in Wallfahrtsorten außerhalb des Landes ausgaben. Zugleich war die Schlosskirche aber auch Ausdruck der tiefen Frömmigkeit Friedrichs III. Durch seine Spenden wurden jährlich 8994 Messen in der Schlosskirche veranstaltet und 81 Kleriker beschäftigt. Das Gotteshaus ließ er mit venezianischen Scheiben und 20 Altären ausstatten. Im Turm der Schlosskirche befand sich ein Gemach Friedrichs, das über eine Treppe auf die Kirchenempore hinaufführte. 1525 sollte er und 1532 auch Kurfürst Johann in der Schlosskirche beigesetzt werden.

Seit 1509 wurden auch die Festungsanlagen Wittenbergs erneuert und ausgebaut. Das Wesentliche auf diesem Gebiet geschah allerdings erst nach der Regierungszeit Friedrichs, als sich eine kriegerische Auseinandersetzung mit Kaiser Karl V. immer deutlicher abzeichnete.

Da das ernestinische Kurfürstentum Sachsen seit der Leipziger Teilung von 1485 keine eigene Landesuniversität mehr besaß, gründete Friedrich III. in Wittenberg 1502 eine Universität. Die entsprechende Stiftungsurkunde vom 6. Juli 1502, mit der der römisch-deutsche König und spätere Kaiser Maximilian I. die Gründung bestätigte, stellt ein Novum dar, denn zuvor hatte entweder nur der Papst oder Kaiser und Papst gemeinsam die Erlaubnis zu einer Universitätsgründung erteilt. Das kaiserliche Siegel der Universität Wittenberg nahm Bezug auf den Landesherrn. Es zeigt das Porträt Friedrichs III. mit der lateinischen Unterschrift: „ME AVSPICE CEPIT WITENBERG DOCERE“ (Unter meinem Schutz hat Wittenberg zu lehren begonnen). Die päpstliche Anerkennung erfolgte erst am 20. Juni 1507. Dennoch verhinderte der landesherrliche Schutz des Kurfürsten einen direkten Zugriff der Kirche auf die Universität. Diese ungewöhnlichen Freiheiten ermöglichten es der Einrichtung sich im Sinne der humanistischen Geistesströmung von mittelalterlichen Bildungstraditionen zu lösen. Dieser neue Ansatz wird durch das Interesse Friedrichs III. erklärbar, Theologen, Juristen und Ärzte auszubilden, die in der Lage waren, die frühmoderne Staatlichkeit in Verwaltung und Gesellschaft zu gestalten. Von da an wurde der kurfürstliche Hof zu einem Anziehungspunkt für schöpferische Kräfte. Weitere Bauten wie 1503 das Fridericianum (Altes Kollegium) als erstes Gebäude der Universität und 1504 das „Schwarze Kloster“ der Augustinereremiten unterstützten diese Tendenz; sie teilten sich mit den auch in Wittenberg ansässigen Franziskanern drei Professuren. Der Universitätsbetrieb erforderte zusätzlichen Wohnraum für Lehrende und Studenten. Für die Beherbergung Letzter werden viele Wohngebäude aufgestockt.

Ein Attribut der Universitätsstadt fehlte Wittenberg jedoch noch: Da die Stadt anders als die großen „Handelsmetropolen“ Straßburg, Augsburg und Nürnberg kein finanzkräftiges Bürgertum besaß, hatte der Buchdruck zunächst keinerlei Bedeutung. Erst die von zwei Professoren der Universität gegründeten Hausdruckereien läuteten den Beginn des Wittenberger Buchdrucks ein. Im Jahr 1508 siedelte der wahrscheinlich aus Grünberg im heutigen Hessen stammende Drucker Johann Rhau-Gronenberg nach Wittenberg über. Seine im Augustinerkloster untergebrachte Werkstatt vervielfältigte für Studenten Vorlesungstexte. In den Jahren 1513, 1515, 1516 und 1517 ließ hier der Theologieprofessor und spätere Reformator Martin Luther Texte drucken. Der Einblattdruck der 95 Thesen, Luthers Anklageschrift gegen den Ablasshandel der Papstkirche, wurde jedoch nicht in Wittenberg hergestellt, sondern von dem Drucker Melchior Lotter dem Älteren in Leipzig. Die schriftstellerische Tätigkeit Luthers bewegte in den 1520er Jahren weitere Drucker zur Übersiedlung nach Wittenberg.

Martin Luther wurde im Jahr 1508 durch einen Gründungsprofessor der Universität Wittenberg, Johann von Staupitz, in die sächsische Residenzstadt berufen. Luther sollte hier sein Theologiestudium fortsetzen. Im Gegensatz zu Erfurt, wo Luther sein Studium begonnen hatte und bereits 24.000 Menschen lebten, fehlte Wittenberg noch ein städtisches Aussehen. Aus diesem Grund äußerte sich Luther sehr abfällig über die Stadt:

„Die Wittenberger leben am Rande der Zivilisation; wenn sie etwas weiterhin sich angesiedelt hätten, wären sie mitten in die Barbarei gekommen“

Martin Luther

Zu Zeiten Luthers lebten in Wittenberg nur etwa 2000 Menschen. Abgesehen von einigen Steinbauten wie Kirchen- und Bürgerhäusern waren die Dächer der meisten Lehmhütten noch vielfach mit Stroh bedeckt. Zwischen 1500 und 1550 wurden nur 54 neue Häuser innerhalb des Festungsringes erbaut. Die Lücken in den Straßenzügen begannen sich gerade erst zu schließen, etwa zwischen dem Markt und der Stadtkirche. Zwischen Collegien- und Mittelstraße entstanden kleinere Handwerkshäuser ohne Hinterhöfe. Fast 40 Jahre – von 1508, mit einer kurzen Unterbrechung, bis 1546 – hat Luther im Wittenberger Augustiner Eremitenkloster gelebt. In der dortigen Turmstube konnte er zum ersten Mal in seinem Leben in einem eigenen, sogar beheizbaren Raum allein und unbeaufsichtigt arbeiten. Nach der Auflösung des Klosters und der Heirat Luthers im Jahr 1525 schenkte Kurfürst Friedrich III. dem Reformator und seiner Familie das Bauwerk.

Aber auch renommierte Künstler wie Lucas Cranach der Ältere wurden vom Kurfürsten, einem der bedeutendsten Mäzene seiner Zeit, unterstützt. Im Jahr 1505 trat der Maler in den Dienst des Kurfürsten. Zuvor hatte Cranach im ungleich größeren Wien gelebt. Um den Künstler trotzdem im provinziellen Wittenberg zu halten, ließ Friedrich seinem Hofmaler zahlreiche Vergünstigungen zukommen: Er zahlte ihm ein jährliches Gehalt von 100 Gulden, was dem zehnfachen Einkommen eines Studenten entsprach. Er wurde von der Schlossküche mitversorgt und erhielt höfische Kleidung. Die Unterstützung des Kurfürsten machte Cranach so vermögend, dass er im Jahr 1512 am Markt 3 und 4 ein Haus erwerben konnte, die Keimzelle der späteren Cranach-Höfe. Für die wachsende Familie und die Werkstatt wurde das Grundstück jedoch schnell zu klein, sodass Cranach in die Schlossstraße 1 umzog. 1522 kaufte der Künstler sein Grundstück am Markt 4 jedoch wieder zurück, um es für die Druckproduktion zu nutzen.

Ab 1517 trug vor allem die Verbreitung von Martin Luthers 95 Thesen dazu bei, dass Wittenberg eine hohe Anziehungskraft auf Gelehrte und Studenten ausüben konnte. Im Jahr 1518 wurde erstmals der Lehrstuhl der griechischen Sprache eingerichtet. Friedrich III. persönlich wollte die Professorenstelle vergeben und bat den Philosophen und Diplomaten Johannes Reuchlin brieflich um eine Empfehlung. In dem Antwortschreiben pries Reuchlin den Theologen, Philosophen und Dichter Philipp Melanchthon. Wo Melanchthon zuerst Unterkunft fand ist nicht bekannt. Vermutlich 1520 bzw. kurz nach seiner Heirat zog er jedoch in die Collegienstraße 62 ein. Das dortige, relative kleine Wohnhaus wurde im Stadtverzeichnis als „Bude“ bezeichnet und war bereits 1536 so baufällig geworden, dass Melanchthon es abreißen musste. Unter dem zweiten Nachfolger Friedrichs des Weisen, Kurfürst Johann Friedrich I., sollte in der Collegienstraße 60 ein repräsentativer Neubau mit Garten entstehen. Da Melanchthon als Mentor Studenten in seinem Haus aufnehmen und versorgen musste, konnte er nicht aus eigener Kraft die für den Neubau notwendige Finanzierung stemmen. Der Kurfürst steuerte 500 Gulden und die Universität 200 Gulden bei. Bereits im Oktober 1536 war das heute als Melanchthonhaus bekannte Bauwerk fertiggestellt. Die finanzielle Unterstützung des neuen Kurfürsten geschah dabei vor allem, um den Gelehrten von einem Wegzug aus Wittenberg abzuhalten. Dies hätte für die kurfürstliche Universität einen enormen Prestigeverlust bedeutet.

Reformation

Als Beginn der Reformationsbewegung gilt gemeinhin der Anschlag der 95 Thesen Martin Luthers an das Eingangsportal der Wittenberger Schlosskirche im Jahr 1517. Ob der sogenannte Thesenanschlag aber tatsächlich stattgefunden hat, ist umstritten. Schon der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserloh argumentierte 1961, dass erst Philipp Melanchthon einen Thesenanschlag überhaupt erwähnte. Melanchthon kann dabei nicht Augenzeuge des Ereignis gewesen sein. Bei Melanchthons Veröffentlichung im Jahr 1546 war Martin Luther bereits nicht mehr am Leben. Die Anhänger des Thesenanschlages verweisen dagegen auf die Tatsache, dass die Theologische Fakultät der Universität Wittenberg vorschrieb, Aufforderungen zu akademischen Disputationen an Kirchentüren anzubringen. Auch der Historiker Daniel Jütte kam bei seinen Forschungen zu dem Ergebnis, dass Kirchentüren zu Zeiten Luthers eine wichtige Rolle als Informationstafeln im öffentlichen Raum spielten. Womöglich sei die Anbringung von Plakaten so alltäglich gewesen, dass Luther sie in seinen Schriften nicht erwähnte. Plakate, so der Historiker, seien jedoch eher mit Leim oder Siegelwachs angeklebt und nicht angehämmert worden, wie Melanchthon behauptete.

Als Geburtsort der Reformation erlangte Wittenberg nach der Abkehr Luthers von der römisch-katholischen Kirche mit der Verbrennung der päpstlichen „Kanonischen Rechte“ und der Bannandrohungsbulle Exsurge Domine des Papstes Leo X. vor dem Elstertor weitere Bedeutung durch die Ereignisse der Wittenberger Bewegung. Von Wittenberg, das scherzhaft als das „Rom der Protestanten“ bezeichnet wurde, gingen damit in der damaligen Zeit für die gesamte Welt entscheidende Impulse aus.

Auch wenn Wittenberg nach dem Tod Friedrichs des Weisen seine sächsische Hauptstadtfunktion an Torgau abgeben musste, blieb seine Stellung als Zentrum der Reformationsbewegung, z. B. bei der Wittenberger Konkordie und der Entstehung der ersten Lutherbibel, erhalten. Um den steigenden Ansprüchen der wachsenden Bevölkerung in der damals territorial beschränkten Stadt gerecht zu werden, fanden während dieser Zeit umfangreiche Baumaßnahmen statt. 1526 wurde wiederum damit begonnen, die Festungsanlagen weiter auszubauen. Ein neues Rathaus und im späten 16. Jahrhundert eine Trinkwasserversorgungsanlage, das Röhrwasser, wurden errichtet. Die Franziskaner, die sich vor allem auf Betreiben des Konventes in Jüterbog gegen die Reformation stellten, verloren ihr Kloster in Wittenberg 1535, nachdem seit 1530 nur noch ein Bruder dort lebte.

Infolge der Reformationsbewegung entstanden Auseinandersetzungen, die im Schmalkaldischen Krieg gipfelten. Dadurch kam es zur Wittenberger Kapitulation, wodurch Wittenberg als Zentrum des Kurkreises an die albertinische Linie der Wettiner überging. Da sich während der Reformationszeit ein Konsistorium und davor ein Hofgericht herausgebildet hatte, behielt Wittenberg für die Albertiner weiterhin seine Bedeutung. So entwickelten sich im Kurfürstentum Sachsen sowie in den anderen evangelischen Ländern zunehmend konfessionelle Auseinandersetzungen, wobei sich vor allem die Gnesiolutheraner durchsetzten und Jena als Zentrum der lutherischen Orthodoxie etablierten, während die in Wittenberg verbliebenen Theologen um Philipp Melanchthon als „Philippisten“ bezeichnet wurden.

Hexenprozesse (1540–1674)

Der Reformator Martin Luther war von der Existenz des Teufels überzeugt. Luther selbst glaubte sogar vom Teufel persönlich verfolgt zu werden. So war der Schritt zum Hexenglauben für Luther rasch getan. Zwar organisierte er in Wittenberg keine Hexenverfolgung, rief aber von der Kanzel aktiv zur Tötung vermeintlicher Hexen auf. Im Jahr 1526 verkündete Luther in der Stadtkirche Wittenberg:

„Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird… Wenn du solche Frauen siehst, sie haben teuflische Gestalten, ich habe einige gesehen. Deswegen sind sie zu töten.“

Martin Luther

Luther trug mit seinen Predigten dazu bei, dass die Hexenverfolgung bereits im Jahr 1540 ihren Anfang in Wittenberg nahm: Prista Frühbottin wurde von dem kurfürstlichen Landvogt verhaftet, da man ihr vorwarf unter Mithilfe ihres Sohnes und zweier Knechte das Vieh auf der Weide vergiftet zu haben. In Wahrheit hatte eine Dürre das Vieh getötet. Die Angeklagten wurden nach dem Prozess und der Folter jedoch am 29. Juni 1540 auf dem Marktplatz an Eichenpfähle gebunden und von dem darunter entzündeten Feuer bei lebendigem Leibe verbrannt. Der Künstler und Augenzeuge, Lucas Cranach der Jüngere, fertigte von dem Scheiterhaufen einen Holzschnitt an. Auch der Wittenberger Scharfrichter Magnus Fischer wurde verdächtigt, mit Prista Frühbottin in engen Kontakt gestanden zu haben. Er wurde ergriffen und zum Feuertod verurteilt, vollstreckt in Eisleben am 7. Juli 1540. In Wittenberg waren von 1540 bis 1674 mindestens 21 Menschen von Hexenverfolgung betroffen: Acht Hinrichtungen sind bezeugt, von 13 weiteren Verfahren ist z. T. der Ausgang nicht bekannt. Im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Prista Frühbottin heißt es in den überlieferten Unterlagen, dass viele andere inhaftiert und verurteilt wurden.

Der Rat der Lutherstadt Wittenberg hat am 30. Oktober 2013 eine sozialethische Rehabilitation der Opfer der Hexenverfolgung ausgesprochen.

17. und 18. Jahrhundert

Hatten zum Anfang des 17. Jahrhunderts Namen wie Daniel Sennert, Friedrich Taubmann oder August Buchner bedeutende Studenten in die Stadt gezogen, änderte sich dies mit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Um gegenüber den Anforderungen einer militärischen Auseinandersetzung gewappnet zu sein, wurden 1626 die Festungsmauern und das Festungspersonal durch kampffähige Bürger verstärkt. Obwohl Wittenberg in dieser Zeit glimpflich davonkam, hatten vor allem die kleineren Orte der Umgebung unter Brandschatzungen zu leiden. Deren Bevölkerung suchte in den schützenden Mauern der Stadt Zuflucht. Nahrungsmangel, der mit der häufig in der Stadt grassierenden Pest einherging, dezimierte die Bevölkerung, so dass zusätzliche Sterbebücher angelegt werden mussten. Dennoch konnte die Stadt sich 1637 der Angriffe des schwedischen Feldherrn Johan Banér erwehren. Als dieser sein Ziel nicht erreichte, brannte er am 17. Januar die hölzerne Elbbrücke Friedrichs des Weisen nieder.

Die militärischen Handlungen und ihre Folgen hatten Auswirkungen auf das Umfeld der Universität. Die Verrohung der Menschen führte des Öfteren zu Zusammenstößen der Studenten mit den in Wittenberg ansässigen Söldnern, die meist blutig endeten. Daher hatten zu jener Zeit die Wittenberger Scharfrichter alle Hände voll zu tun. Hinzu kamen die einsetzenden Hexenprozesse, wodurch etliche Menschen einen qualvollen Tod auf dem Scheiterhaufen oder dem Schafott auf dem Wittenberger Marktplatz fanden. Als sich das akademische Leben ein wenig erholte, unter anderem durch so bedeutende Professoren wie Abraham Calov und Konrad Samuel Schurzfleisch, war in der Folgezeit wieder eine gewisse wirtschaftliche Erholung der Stadt erkennbar.

Die vom Nordischen Krieg wiederum heimgesuchte Stadt überwand die Folgen der schwedischen Besatzung schnell. Bekannte Studenten wie Anton Wilhelm Amo und Gotthold Ephraim Lessing zeugen von der Anziehungskraft Wittenbergs. Mit Beginn des Siebenjährigen Krieges war Wittenberg wechselnden Besatzungen ausgesetzt mit dem Resultat, dass die Preußen am 27. August 1759 wieder in den Besitz der Festungsstadt kamen. Nachdem die preußische Armee die Vorstädte abgebrannt hatte, um freies Schussfeld zu haben, lehnte der Stadtkommandant 1760 eine Kapitulation der Stadt vor der Reichsarmee ab. Daraufhin wurde Wittenberg von der Reichsarmee am 13. Oktober 1760 derart beschossen, dass das Schloss und dessen Kirche völlig niederbrannten. Die Preußen kapitulierten. Ein großer Teil der Häuser war zerstört. Auch die ursprüngliche Thesentür war ein Opfer der Flammen geworden.

1764 hob die sächsische Regierung für die stark beschädigte Stadt das Festungsrecht auf. Die Aufbauarbeiten vollzogen sich nur schleppend. Erst am 6. August 1770 konnte das Wittenberger Schloss in spätbarocken Formen neu eingeweiht werden. Die im Dreißigjährigen Krieg zerstörte Elbbrücke wurde nach dreijähriger Bauzeit 1787 dem Verkehr übergeben. Studenten zog es nicht mehr so stark in die zerstörte Stadt. 1795 zählte die Universität nur noch 366 Studenten.

19. Jahrhundert

Nachdem die vereinigte preußisch-sächsische Armee in der Schlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 von Napoleon besiegt worden war, huldigte und unterwarf sich der sächsische Kurfürst Friedrich August dem Kaiser der Franzosen. Er schloss mit ihm am 11. Dezember 1806 Frieden und trat dem Rheinbund bei. Daraufhin erhob Napoleon Friedrich August zum König von Sachsen. Seitdem war der sächsische König Verbündeter Napoleons und unterstützte den französischen Kaiser militärisch. Nachdem Napoleon am 23. Oktober 1806 Wittenberg besichtigt hatte, wurde die Stadt auf seinen Befehl wieder zur Festung ausgebaut. Die Wittenberger Universität wurde nach Bad Schmiedeberg ausgelagert, und die Wittenberger Bürger mussten für die französischen Truppen Quartiere bereitstellen. In der Folge wurde Wittenberg zu einem französischen Durchgangsquartier, wobei die Bürger wie üblich für die Versorgung aufkommen mussten. Insgesamt zogen 160.000 Franzosen durch die Stadt. 60.000 Soldaten waren ständig als Besatzung im Ort.

Während der Befreiungskriege rückte Wittenberg wiederum in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. General Lapoype, der am 20. März 1813 die Kommandantur in Wittenberg führte, ließ am 6. April die Häuser in den Vorstädten, die Bäume und Zäune, die die Festungsstadt umgaben, auf 900 Schritt niederreißen, um freies Schussfeld zu schaffen. Nach der Schlacht bei Wartenburg verstärkten sich die Angriffe der gegnerischen Verbündeten auf die Festung, so dass es am 25. September zum heftigsten Beschuss der Stadt durch die Preußen kam. Während der französische Kommandant in Torgau kapituliert hatte, lehnte dies Lapoype für Wittenberg ab. In der Stadt selbst herrschte immer mehr Not, die Wasserversorgung war zerstört und die Lebensmittel wurden rationiert. Zerstörung, Not, Elend, Krankheit und Hunger waren in der Stadt durch die Belagerung an der Tagesordnung.

Nachdem dem Kommandeur am 12. Januar 1814 abermals die Kapitulation angeboten worden war, die er wiederum ablehnte, erfolgte ab 12 Uhr mittags bis 1 Uhr nachts erneut ein intensiver Beschuss. Dabei wurden in diesem Zeitraum 2477 Kanonenschüsse auf die Stadt abgegeben. Unter den Augen des Generals von Tauentzien und des Prinzen August von Preußen sowie unter dem preußischen General von Dobschütz wurde im Anschluss an die Kanonade um 1 Uhr früh die Stadt erstürmt. Nach Verlusten von 100 Mann und 8 Offizieren hatten die Preußen die Stadt erobert und Lapoype im Keller des Schlosses gefangengesetzt. Auch dieser hatte große Verluste: war seine Truppe im Oktober 1813 noch 3000 Mann stark, waren nach der Eroberung nur noch 2000 Mann kampffähig. 800 Mann lagen in den Lazaretten. Noch am selben Tag wurde der Gouverneur in Tauentziens Hauptquartier nach Coswig gebracht und dort verhört. Als Folge dieser Auseinandersetzungen wurden alle 259 Häuser in den Vorstädten Wittenbergs und 37 Häuser in der Innenstadt zerstört. 100.000 Bäume waren den Schussfeldmaßnahmen Lapoypes zum Opfer gefallen, so auch die Luthereiche. Die Sterblichkeit war seit Oktober 1813 viermal größer als üblich, so dass sich die Bevölkerungszahl der Stadt um ein Drittel verminderte.

Auf Beschluss des Wiener Kongresses fielen drei Fünftel des Landes Sachsen, darunter auch Wittenberg, an Preußen. 1817 traf der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. die folgenschwere Entscheidung, die Wittenberger Universität aufzulösen und mit der Halleschen Hochschule zu vereinigen. Als Ersatz bekam Wittenberg ein evangelisches Predigerseminar. 1820 wurde Wittenberg mit dem Einzug des Infanterieregiments 26 zur Garnisonsstadt. Das Wittenberger Schloss wurde zur Kaserne umgebaut, und das alte Universitätsgebäude musste ebenfalls einem Kasernenbau weichen.

Wittenberg erlebte den für die damalige Zeit typischen Wandlungsprozess als Festungsstadt. Schulen und das Gymnasium entwickelten sich weiter. Mit der am 28. August 1841 eröffneten ersten Bahnstrecke der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn erhielt Wittenberg eine Anbindung an das deutsche Schienennetz. 1847 wurde eine neue Elbbrücke übergeben. Auch die Ereignisse der Märzrevolution 1848 gingen nicht spurlos vorüber. Zahlreiche politische Vereine wurden gegründet, wobei sich der konservative Einfluss durchsetzte. Nachdem der erste Evangelische Kirchentag in der Schlosskirche stattgefunden hatte, wurde auf dem zweiten Kirchentag von 1848 von Wichern die Innere Mission gegründet, die ein Vorläufer des heutigen Diakonischen Werkes ist.

Auf Befehl Kaiser Wilhelms I. durch Kabinettsorder vom 30. Mai 1873 wurde unter der Leitung von Fritz Eunike am 11. Juni 1873 begonnen, die Festungsmauern um die Stadt abzureißen. An der Stelle der Festungsanlage entstanden Grünanlagen. 1876 wurde Wittenberg an die Telegraphenlinie zwischen Berlin und Halle angeschlossen, und 1893 erhielt die Stadt ein neues Postgebäude. Durch die günstige Verkehrslage der Stadt kam es zur schnellen Ansiedlung von Betrieben, so dass sich im heutigen Ortsteil Reinsdorf bereits 1894 die Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff-Aktiengesellschaft mit einem Sprengstoffwerk angesiedelt hatte. Ebenfalls fanden während dieser Zeit der Maschinenbau, eine Eisengießerei und ein Gummiwerk in Wittenberg ein Zuhause.

Zunehmend entstand in Wittenberg eine Gedenkkultur der Reformationszeit. 1821 wurde in Wittenberg das Lutherdenkmal auf dem Marktplatz eingeweiht, 1830 die noch heute stehende Luthereiche neu gepflanzt, 1858 eine bronzene Thesentür an der Schlosskirche gestiftet, 1865 das Melanchthondenkmal auf dem Marktplatz enthüllt, von 1877 bis 1883 ein reformationsgeschichtliches Museum im Lutherhaus eingerichtet, am 31. Oktober 1892 im Beisein Kaiser Wilhelms II. die restaurierte Schlosskirche eingeweiht und 1894 das Bugenhagendenkmal auf dem Kirchplatz enthüllt.

20. Jahrhundert

Der im 19. Jahrhundert entstandene Trend der industriellen Ansiedlung setzte sich im 20. Jahrhundert fort. 1906 nahm das heutige Wikana-Werk als Kant-Chokoladenfabrik seinen Betrieb auf. Mit der Errichtung des städtischen Elektrizitätswerkes setzte die durchgehende Elektrifizierung der Stadt ein. 1915 wurde im heutigen Ortsteil Piesteritz nach Plänen von Karl Janisch ein Stickstoffwerk errichtet. Im Rahmen dieses Aufbauwerkes wurden die Städtebauer Paul Schmitthenner und Otto Rudolf Salvisberg gewonnen, die die Piesteritzer Werkssiedlung entwarfen, die heute unter Denkmalschutz steht.

Je mehr sich Wittenberg zur Industriestadt entwickelte, desto stärker wirkten sich die innenpolitischen Ereignisse Deutschlands, wie die Mangelzeit des Ersten Weltkrieges, die Folgen der Novemberrevolution, des Kapp-Putsches oder die beginnende Hyperinflation, auf die Stadt aus. Jedes Ereignis fand in Wittenberg seinen Niederschlag und prägte das Leben in der Stadt. So verlor Wittenberg 1919 vorübergehend seinen Status als Garnisonsstadt. Im Rahmen der Industrialisierung kam es zu einem immer stärkeren Anwachsen der Bevölkerung, so dass Wittenberg am 1. April 1922 den Status einer kreisfreien Stadt erhielt. Darauf folgend beschlossen der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung der Stadt im Mai 1922, den Namen „Lutherstadt Wittenberg“ zu führen. Die offizielle Anerkennung erfolgte aufgrund von Schwierigkeiten bei der Bewilligung erst 1938.

In der NS-Zeit ereignete sich am 13. Juni 1935 das schwerste Explosionsunglück seit Bestehen des Reinsdorfer Sprengstoffwerkes der WASAG, dabei kamen über 100 Menschen ums Leben und große Teile des Werkes wurden zerstört. Im selben Jahr wurden in Wittenberg ein Zweigbetrieb der Arado Flugzeugwerke errichtet, wo unter menschenunwürdigen Bedingungen Frauen aus dem KZ Ravensbrück zur Arbeit gezwungen wurden. Wittenberg wurde 1936 wieder Garnisonsstadt der Wehrmacht. In der Pogromnacht 1938 kam es zu Ausschreitungen vor jüdischen Geschäften und Wohnungen. In der Folge wurden jüdische Einwohner verhaftet und deportiert. Das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933–1945) verzeichnet namentlich 26 jüdische Einwohner Wittenbergs, die deportiert und größtenteils ermordet wurden.

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden die in Wittenberg ausgebildeten Einheiten an die Front verlegt und Ergänzungseinheiten nahmen ihre Stelle ein. Die Todesanzeigen der Gefallenen häuften sich. Zahlreiche Fliegerangriffe führten dazu, dass die Arbeiter in den Rüstungsbetrieben kaum zur Ruhe kamen und dennoch die auf Hochtouren laufende Maschinerie am Leben erhielten. Obwohl die Bomberverbände hauptsächlich Berlin anflogen, beschädigten 1944 anglo-amerikanische Bombenabwürfe im östlichen Teil der Stadt mehrere Häuser, den Bahnhof und zerstörten das Kino Filmburg in der Mittelstraße. Um die Rüstungsindustrie aufrechtzuerhalten, wurde im Sommer 1944 ein Außenlager des KZ Sachsenhausen in Wittenberg errichtet. Vor dem Einmarsch der Roten Armee am 26. April 1945 wurden noch die Elbbrücke und die Flutbrücke im heutigen Ortsteil Pratau gesprengt.

Nach dem Einzug der sowjetischen Soldaten kam es wie in anderen deutschen Städten auch in Wittenberg zu Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. Erst allmählich konnte die Kommandantur der sowjetischen Truppen die chaotischen Zustände beenden. Allmählich normalisierte sich das Leben in der Stadt, nachdem die schwersten Kriegsschäden beseitigt worden waren. Die Sowjetarmee besetzte bis zu ihrem Abzug 1991 mehrere Stadtquartiere (u. a. das Gelände um das heutige Neue Rathaus, den Arsenalplatz oder das Wohngebiet um die östliche Thomas-Müntzer-Straße).

Aus einem Kabarett entwickelte sich 1946 ein Theater (das spätere Elbe-Elster-Theater), und im selben Jahr wurde die Lutherhalle wiedereröffnet. Die Rüstungsbetriebe wurden zerstört und die zivile Produktion wieder aufgenommen. Im Schloss wurde 1948 die Errichtung des Julius-Riemer-Museums begonnen. 1949 wurde in der Collegienstraße 91 ein Laden der HO eröffnet, in dem man ohne Lebensmittelkarten, aber sehr teuer einkaufen konnte. Mit der Gründung der DDR erhielt der Rat der Stadt wieder die Pflichten zur Amtsausübung. Am 1. Juli 1950 verlor Wittenberg den Status einer kreisfreien Stadt. Auch wenn es während der Zeit des 17. Juni 1953 Proteste in kleineren Betrieben gab, wurden diese in den Großbetrieben durch Auffahren von Panzern unterbunden.

Der Zuzug vieler Vertriebener aus den Gebieten östlich der Oder und Neiße und aus dem Sudetenland am Ende des Zweiten Weltkrieges führte in Wittenberg zu einer Wohnungsnot. Im Ortsteil Kleinwittenberg wurden von 1957 bis 1963 erstmals Wohnungen in Großblockbauweise errichtet. Das Leben in Wittenberg entwickelte sich in den typischen Bahnen einer Stadt in der DDR. Am 5. Dezember 1979 wurde im Rahmen des „einseitigen sowjetischen Truppenabzugs“ (20.000 Soldaten und 1000 Panzer) die seit 1945 in der Stadt stationierte 6. Gardepanzerdivision öffentlich verabschiedet.

Nachdem 1952 der 450. Jahrestag der Gründung der Wittenberger Universität begangen worden war, folgten 1953 der Gedenktag zum 400. Todestag Lucas Cranachs d. Ä. und 1967 ein großer historischer Festzug zur 450-Jahr-Feier der Reformation. Ein internationales Symposium und ein akademischer Festakt der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg bildeten die Höhepunkte dieser Feierlichkeiten im Jahre 1967. Zu Ehren Philipp Melanchthons wurde in seinem ehemaligen Wohnhaus ein Memorialmuseum eröffnet.

Eine Vielzahl von Ereignissen standen im Zeichen des Lutherjubiläums 1983. Die Deutsche Post der DDR (9. November 1982 und 18. Oktober 1983) und die Deutsche Bundespost (13. Oktober 1983) gaben aus diesem Anlass Sonderbriefmarken heraus. Zu Pfingsten wurde in der Stadtkirche eine neue Orgel geweiht. Die Lutherhalle eröffnete nach baulicher Umgestaltung und musealer Neugestaltung anlässlich der 500. Wiederkehr des Geburtstages Martin Luthers ihre Ausstellung. Die Restaurierungsarbeiten am Turm der Schlosskirche und an der Thesentür wurden abgeschlossen. Gäste aus 15 Ländern nahmen am Evangelischen Kirchentag teil. Dabei ließ Pfarrer Friedrich Schorlemmer ein Schwert zu einer Pflugschar umschmieden.

Das Stickstoffwerk Piesteritz wurde 1970 bis 1976 durch den Bau von zwei Ammoniak- und drei Harnstoffanlagen erweitert. Damit verbunden entstand von 1971 bis 1980 am nördlichen Stadtrand ein großes Wohngebiet in Plattenbauweise.

In den 1980er Jahren wurde die Unzufriedenheit mit den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen in der Bevölkerung immer drängender. 1989 kam es in Wittenberg zu Demonstrationen mit 10.000 protestierenden Bürgern. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands führte eine radikale Stilllegung von Betrieben zu hoher Arbeitslosigkeit. Da der wirtschaftliche Rückhalt in der Stadt weggebrochen war, kam es zu einer massiven Abwanderungswelle, vor allem bei der jüngeren Generation.

Seit der Jahrtausendwende

Der Rückbau der Plattenbaugebiete aus der DDR-Zeit ist weitestgehend abgeschlossen. Wittenberg ist seither geprägt von Sanierungs- und Neubauarbeiten, einer wirtschaftlichen Erholung und der touristischen Entwicklung als „Wallfahrtsort der Reformation“. Die Stadt bereitete sich seit 2008 mit der Luther-Dekade auf das 500-jährige Reformationsjubiläum vor, welches 2017 stattfand. Zahlreiche Gebäude wurden restauriert, die Infrastruktur wurde zum Teil erneuert und zahlreiche neue Attraktionen entstanden in der Stadt. So fand 2009 die Erstbepflanzung des Luthergartens statt. Insgesamt wurden 500 Gehölze gepflanzt. Diese bilden eine neue Parkanlage südlich der Altstadt. Der Bau des ersten Einkaufszentrums auf dem Arsenalplatz nahe der historischen Innenstadt begann im Mai 2011. Das „Arsenal“ eröffnete am 18. Oktober 2012. Insgesamt belief sich diese Investition auf rund 42 Millionen Euro, es entstanden 250 neue Arbeitsplätze. 2014 wurde Lutherstadt Wittenberg der Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“ durch die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa verliehen. Ende 2016 ging in Lutherstadt Wittenberg nach Horrem der zweite klimafreundliche Bahnhof Deutschlands in Betrieb. In dessen Nähe sind ausgedehnte Park-and-Ride-Plätze für Besucher geplant.

Der Künstler Yadegar Asisi eröffnete im Oktober 2016 sein 360°-Panorama unter dem Titel Luther 1517, das bis 2021 zu sehen sein wird.

Das Wahrzeichen der Stadt, die Schlosskirche, wurde anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 für insgesamt 33 Millionen Euro saniert und teilweise umgebaut.

Ehemalige Garnison

Wittenberg war von 1820 bis 1919 Garnison der preußischen Armee. Die Soldaten waren im Schloss und im Fridericianum untergebracht, die zu Kasernen umgebaut worden waren. 1883 wurde die Kavalierkaserne (später Tauentzienkaserne) in der Lutherstraße eröffnet (seit 2000 Neues Rathaus). Die ursprüngliche Tauentzienkaserne in der heutigen Straße Am alten Bahnhof bestand von 1913 bis 1918. Die Brückenkopf-Kaserne im am anderen Elbufer gelegenen Vorort Pratau entstand 1893. Nach einer Unterbrechung in der Zwischenkriegszeit infolge der Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages wurden bei der Aufrüstung der Wehrmacht in den 1930er Jahren Kasernenneubauten errichtet, wie die Beseler-Kaserne am Teucheler Weg, die Nordend-Kaserne in der Nordendstraße und eine Kaserne im Vorort Apollensdorf. Wittenberg wurde 1936 wieder Garnisonsstadt. Die Kasernen wurden nach 1945 von den sowjetischen Truppen genutzt. Nach 1979/80, als die 6. Garde-Panzerdivision aus dem Raum Wittenberg nach Weißrussland verlegt wurde, bestand die sowjetische/russische Garnison Wittenberg in deutlich reduziertem Umfang bis zum Abzug 1992/93. Die Brückenkopf-Kaserne wurde in den Folgejahren in ein Marina-Camp umgewandelt.

Quelle: de.wikipedia.org



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